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Ungewöhnliches zum Auftakt


 
 

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Reisen ins Innere, um die Welt und in die Vergangenheit

Wandern und Pilgern liegen in unseren hektischen Zeiten im Trend. Bewegung und Verbundenheit mit der Natur tun Leib und Seele gut und können Mittel zur Entschleunigung, zur Meditation und spirituellen Erfahrung sein. Daher erscheint es fast symptomatisch, dass sich zum Spielzeitbeginn in Berlin gleich drei Musiktheaterproduktionen und ein szenisches Konzert im weitesten Sinne um dieses Thema drehen.

Nichts weniger als eine Reise um die Erde tritt der Erzengel Michael mit seiner Trompete in Karlheinz Stockhausens Oper Donnerstag an, dem vierten Abend des monumentalen Licht-Zyklus´. Die Suche nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Existenz ist ein Motiv des rein instrumentalen zweiten Akts, auf den sich die Aufführung beim Musikfest Berlin im Haus der Festspiele beschränkt. Doch auch ohne Gesang wird er zum Gesamtkunstwerk, weil sich die dezente Choreografie, die mittelalterlich anmutenden Kostüme, moderne Lichteffekte und der Mix aus elektronischen Klängen und Life-Musik zu einer organischen Einheit fügen. Dabei sorgt der unglaublich facettenreich blasende Trompeter Marco Blaauw als musikalischer Weltenbummler, solistisch oder im Dialog mit dem von Ilan Volkov geleiteten kompetenten Ensemble Musikfabrik, für den nachhaltigsten Eindruck.

Während Stockhausens Engel die Menschen durch Musik zur himmlischen Erleuchtung führen möchte, muss der mythische Sänger Orpheus in Monteverdis Orfeo in die Unterwelt ziehen, um seine Frau Eurydike ins Leben zurückzuholen. Der Zufall will es, dass die Oper gleich zweimal kurz hintereinander als Wandelperformance zu erleben ist. Vom Original ist Susanne Kennedys Version allerdings weit entfernt. Die jüngste Arbeit der momentan besonders gefragten Regisseurin, eine Koproduktion der Ruhrtriennale, den Berliner Festspielen und der Amsterdamer Toneelgroep Oostpool, ist nach der Essener Uraufführung im August für drei Wochenenden in den Martin-Gropius-Bau eingezogen. Mit einer herkömmlichen Operninszenierung hat sie nur wenig zu tun. Denn Monteverdis Musik ist bis auf eine kurze, von Hubert Wild am Ende gesungene Passage und einige kaum wahrnehmbare Instrumentalschnipsel, die das Ensemble Kaleidoskop im Off spielt, praktisch ausgespart. Stattdessen herrscht meist Stille, während die jeweils nur acht Zuschauer die Stationen der Eurydike bis zu ihrem Tod begleiten. Dabei werden sie durch mehrere spießig eingerichtete Wohnräume geführt, in denen sich eine oder mehrere Eurydikes aufhalten, jede mit zombiehaft starrer Gesichtsmaske, blonder Perücke und sportlicher Kleidung ähnlich aussehend. Im Schlussbild liegt eine von ihnen leblos in einem Sarg, und die Anwesenden treten nach dieser Sterbeübung, so der Untertitel der Performance, trotz manch eindrücklicher Bilder einigermaßen ratlos ins Freie.

Auch der zweite Orfeo, dem die wenig bekannte Fassung von Carl Orff zu Grunde liegt, bricht mit herkömmlichen Seh- und Hörgewohnheiten. Die Suche nach der Geliebten führt den Sänger in die Psychiatrie. Ganz authentisch sogar, denn die freie Musiktheatergruppe Glanz & Krawall um die Regisseurin Mariella Sterra spielt die Oper vor und in der Alten Nervenklinik der Charité. Das Publikum folgt Orpheus durch Gänge und Kellerräume entlang von in Ecken postierten Instrumentalgruppen bis in den Garten, wo sich am Ende alle zu einer Art Happening zusammenfinden. Die Inszenierung lässt bis zuletzt offen, ob Orpheus´ Bemühungen, die Geliebte zu finden, Wahn oder Wirklichkeit ist. Sind die verschrobenen Figuren, die Orpheus in der Anstalt trifft, beispielsweise die von Monika Freinberger mit starker Präsenz verkörperte Ärztin, die in einem schrillen, sehr witzigen Monolog ausrechnet, wann sie ihre Rente erhält, Einbildung oder Realität? Glanz & Krawall bietet eine Orfeo-Kollage aus Musik- und Textpassagen, bei der manches rätselhaft bleibt, die aber im Ganzen atmosphärisch stark beeindruckt. Auch gesungen wird in diesen 70 Minuten ganz wunderbar. Vorneweg von Christian Miebach, der bisher vorwiegend im Musical zu Hause war, nun aber auch im klassischen Fach durch die Klangschönheit seines Tenors vielversprechend auffällt. Doch auch die Ausdruckskraft und Musikalität der restlichen jungen, teilweise noch studierenden Sänger und Schauspieler, die hautnah zwischen und mit der Zuhörerschaft agieren, ist frappierend.

Eine Wanderung ganz anderer Art unternimmt der argentinische Komponist Oscar Strasnoy in seiner 2004 uraufgeführten Operette Geschichte, die die Staatsoper in ihrer Werkstatt präsentiert. Sie führt in die Vergangenheit, genauer in die des Schriftstellers Witold Gombrowicz während des ersten Weltkriegs. In überspitzter Form werden anfangs die Beziehungen zu seiner adligen Familie, später die zu historischen Persönlichkeiten am russischen Zarenhof und beim deutschen Kaiser Wilhelm beleuchtet. Was nach großem Drama ruft, verdichtet Strasnoy zu einem grotesken, einstündigen Musiktheater von beträchtlichem Unterhaltungswert. Er fordert den sechs Sängern ein Höchstmaß an Vokalartistik ohne jede Instrumentalbegleitung ab, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Tonbandeinspielungen mit Operettenmusik und Alltagsgeräuschen. In Isabel Ostermanns Inszenierung sitzen die von Max Renne brillant einstudierten Solisten inmitten der Besucher auf einer Tribüne vor einer Spiegelwand. Dem kleinen Bewegungsspielraum der Akteure zum Trotz gelingt es der Regisseurin, jede Figur individuell zu zeichnen. Das Ensemblesextett mit dem fabelhaften Countertenor Daniel Gloger im Zentrum ist mit gestalterischem Witz bei der Sache, ohne es an musikalischer Präzision missen zu lassen und verdient dafür höchstes Lob. Zu Recht Begeisterung beim animierten Publikum.

Karin Coper, 3.10.2015

 


Trompeter Marco Blaauw durchlebt
mit dem Ensemble Musikfabrik im
Haus der Festspiele die Reise des
Erzengels Michael.


Orpheus als Wanderer der Liebe gerät
in den Händen Susanne Kennedys zur
Wandelperformance mit Schweige-
Charakter.

Und noch einmal Orpheus- diesmal
zwischen Wahn und Wirklichkeit in der
weitgehend unbekannten Carl-Orff-
Fassung.


Groteske Unterhaltung gibt es in der
einstündigen Operette Geschichte, die
die Staatsoper in ihrer Werkstatt in
einer Inszenierung von Isabel
Ostermann präsentiert.