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Opulenz mit wenig Zutaten

ALICE IM WUNDERLAND
(Tobias Goldfarb)

Besuch am
17. Januar 2016
(Premiere)

 

 

Junges Schauspielhaus Düsseldorf

Es ist vielfach geübte Unsitte, mit Titeln bekannter Werke zu werben, um hinterher Stücke zu zeigen, die allenfalls eine weit entfernte Ähnlichkeit mit dem Original aufweisen. So ist in großen Lettern zu lesen, dass es Alice im Wunderland zu sehen gibt – hier immerhin mit dem erheblich kleiner gedruckten und deutlich abgerückten Zusatz „Nach Lewis Carroll – Ein Stück von Tobias Goldfarb“. Da wäre dem Jungen Schauspiel Düsseldorf doch erheblich mehr Selbstvertrauen zu wünschen. Denn das Stück, dass da am Sonntagnachmittag zur Premiere kommt, darf durchaus als eigenständiges Werk betrachtet werden, das sich in keiner Weise zu verstecken braucht und einen eigenen Titel verdient hätte. Auf der Innenseite des Programmzettels wird ein Beispiel denn auch gleich in Form einer Überschrift geliefert: Alice oder nichts.

Denn genau darum geht es. Das Mädchen Alice – überaus angepasst an eine langweilig-kultivierte Umgebung – fällt in ein Kaninchenloch, um sich am Ende im Wunderland wiederzufinden. Für Tobias Goldfarb ist es der Absturz von einer scheinbar geordneten in eine Welt, in der die Regeln von Kommunikation und Höflichkeit außer Kraft gesetzt scheinen. Für viele Erwachsene eine Erfahrung, die sie gerade hautnah in den so genannten Sozialen Netzwerken erleben. Bei einigen mag es sogar so weit gehen, wie es Goldfarb der kleinen Alice widerfahren lässt. Der Werte- führt zum Identitätsverlust. Wenn alle Grenzen des Anstands fallen, falsche Parolen und eine völlig verdrehte Rhetorik überhandnehmen, geht die Wirklichkeit verloren. Und es braucht schon eines verdammt wachen Verstandes und starken Charakters, um sich dagegen zu wehren. Über beides verfügt Alice, so dass sie sich letztlich gegen ihre Widersacherin durchsetzen kann. Goldfarb lässt dabei die allseits bekannten Figuren aus den beiden Büchern Carrolls wie Herzkönigin, Märzhase, Grinsekatze, Hutmacher, Jabberwocky und so weiter auftauchen, verpasst ihnen neue Namen, neue Dialoge – und vor allem wunderbare Charaktere.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bei der Umsetzung dieses Buchs hat sich das Junge Schauspiel nicht lumpen lassen. Gleich drei Regisseure gehen ins Rennen, ein Komponist, gar eigens ein Choreograf für die Kampfszene wird beauftragt. Die Grundlage für das Geschehen auf der Bühne schafft José Luna mit Bühnenbild und Kostümen. Abgesehen von einem hochgelegenen Fenster in der Rückwand, das der Eingangsszene dient, konzentriert sich Luna auf drei Verschiebe-Elemente, die so raffiniert gestaltet sind, dass sie nicht nur als Fluchttreppen, Thron, Gefängnis, Mauern, Eingänge und was sonst noch alles dienen können, sondern auch noch als Umkleiden für die Darsteller. Und die werden dringend benötigt. Schließlich sind auf der Bühne gleich 16 Rollen in durchweg opulenten Kostümen zu erleben. Farbenreich und fantasievoll werden die Besucher im vollbesetzten Haus in eine andere Welt entführt. Tobias Goldfarb, der auch als Regisseur fungiert, Laura und Lisa Quarg sorgen für gehöriges Tempo auf der Bühne, das die Darsteller schon mal an die Grenzen ihrer Kondition bringt – obwohl die an sich schon eindrucksvoll ist.

Alexander Steindorf, Maëlle Giovanetti und Julia Goldberg - Foto © Sebastian Hoppe

Am Ende sind es gerade mal vier Darsteller, die knapp 70 Minuten lang für einen Riesenzauber auf der Bühne sorgen und die meisten Kinder in ihren Bann ziehen. Und wenn manche Eltern ihren lieben Kleinen einfach mal pädagogisch wertlos sagten, dass sie jetzt die Klappe zu halten hätten, hätte es vermutlich noch mehr Kindern gefallen. Die Schauspieler lassen sich vom „Wer ist das denn jetzt?“ und „Kann ich noch’n Keks haben. Ich hab‘ wirklich Hunger.“ nicht beeindrucken, sondern spielen für die übrigen Kinder mit einer schier unglaublichen Intensität. Julia Goldberg zeigt genau die gewünschte Alice, dieses ungläubig staunende Mädchen, das sich letztlich unbekümmert aller Gefahren für das Richtige einsetzt, mit entzückender Glaubwürdigkeit. Julia Dillmann gefällt unter anderem als Knallhase, der witzig und naiv ist, ohne albern zu werden. Schade, dass Maëlle Giovanetti ihren herrlich unverständlichen Dialekt als Hutmacher, hier Mädhättä, nach der Schlüsselszene aufgibt: Es heißt doch Alice oder nichts. Und wenn es nichts nicht gibt, müssen wir Alice finden. Aber bei sechs überzeugend gespielten Rollen sieht man ihr das gerne nach, zumal gar nicht sicher ist, ob hier die Regie nicht sauber gearbeitet hat.

Absolut sauber hat sie allerdings bei der Personenführung gearbeitet. Und das beweist auch Alexander Steindorf, der nicht nur vier verschiedene Rollen verkörpert, sondern auch noch zwischen den Geschlechtern zu wechseln hat. Das, wie die anderen auch, von einer Sekunde auf die andere und absolut glaubhaft. So bekommen die Kinder hier keine „Kinderstunde“ geboten, sondern höchst professionelles Theater, das im Übrigen auch die Erwachsenen begeistert.

Den Wermutstropfen – für die Kinder sicher unbemerkt – gibt es bei der Musik, die Thomas Unruh komponiert hat. Nicht, dass sie vom Band kommt, stört, sondern dass sie inkonsistent ist. Da gibt es hier mal ein wenig Klangteppich, dort eine kurze Einspielung, gesungen wird leider viel zu wenig, obwohl auch hier die Darsteller wirklich eindrucksvolle Ergebnisse abliefern und mehr auch mehr gewesen wäre. Gegen Ende wirkt es gar ein wenig lustlos. Oder ist es immer noch die Berührungsangst des Theaters zum Film? Darf Musik sich im Theater nicht wie ein Soundtrack unter die Handlung legen, obwohl das längst den Rezeptionsgewohnheiten der Besucherinnen und Besucher entspricht? Hier gibt es sicher noch Diskussionsbedarf.

Nicht aber beim Publikum an der Münsterstraße. Beim Applaus zeigen die Kinder nicht die Spur von Ermüdungserscheinungen. Da wird munter mit den Füßen getrampelt, werden die Darsteller immer wieder auf die Bühne gerufen. Erst, als einen die Winterkälte mit ihren letzten, kraftlosen Sonnenstrahlen wieder in Empfang nimmt, wird man sich so richtig bewusst, wie tief man selbst in dieses Kaninchenloch gefallen ist.

Michael S. Zerban