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Foto © Bettina Stöß

Aktuelle Aufführungen

Ein „Kleiner Tod“ in purer Schönheit

ARCHIPEL
(Jiří Kylián)

Besuch am
29. April 2016
(Premiere am 23. April 2016)

 

Aalto-Ballett, Essen

Es müsste den großen Bühnen in Köln, Bonn und Aachen und deren Stadtvätern eigentlich in den Ohren klingeln, wenn sie wahrnehmen, wie rundum nahezu alle Theater, auch die viel kleinerer Städte, das Rheinland in eine pulsierende Tanzlandschaft verwandeln konnten, indem sie ihren stets gefährdeten und knapp gehaltenen Tanzcompagnies allen Widerständen zum Trotz bis jetzt die Treue gehalten haben. Düsseldorf/Duisburg, Krefeld/Mönchengladbach, Essen, Dortmund, Gelsenkirchen und Hagen ernten mit ihren Ballett-Produktionen nicht selten höhere Anerkennung und größere Resonanz als mit mancher Opernproduktion. Interessant, dass sich die Ensembles zwar in der Größe noch stark unterscheiden, die qualitativen Differenzen aber schrumpfen. Da mag mancher Martin Schläpfers Rheinopern-Truppe für das Maß aller Dinge halten. Das Essener Aalto-Ballett kann, was seine tänzerischen Qualitäten angeht, durchaus mithalten, wenn es sich an Choreografien weiter entwickeln kann, wie sie der neueste Ballettabend Archipel bereithält. Zugegeben: Die Synchronität in den Ensemblesätzen ist in Essen verbesserungsbedürftig, gehört aber auch nicht zu den Stärken des Rheinopern-Balletts. Und die Zuschauer gehen mit, wenn Essens Ballettchef Ben van Cauwenbergh eine Mischkalkulation aus Publikumsrennern wie den Nussknacker und abstrakten Stücken wie in seinem neuesten Programm anbietet.

Dass er sich im Archipel einzig und allein einem einzigen Gast-Choreografen anvertraut, ist kein allzu großes Risiko, wenn der Jiří Kylián heißt. Was Vielseitigkeit und Fantasiereichtum angeht, braucht der Prager Choreograf weit und breit keine Konkurrenz zu fürchten. Ob streng abstrakt, ob poetisch anrührend oder voller Ironie: Kylian beherrscht nicht nur eine Klaviatur des Bewegungsvokabulars, sondern ein ganzes Orchester. Dass er abstreitet, jemals eine „Bewegungssprache“ entwickelt zu haben, macht durchaus Sinn. Seine Sprache auf dem Tanzboden ist so polyglott wie die keines anderen in seiner Liga.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Aus seinen nahezu 100 Arbeiten, die er für alle Hochburgen des Tanzes von London und Stuttgart bis zum Nederlands Dans Theater kreierte, wählte der 69-jährige Tscheche für das neueste Programm des Essener Aalto-Balletts fünf Arbeiten aus, die zwischen 1986 und 2002 für verschiedene Compagnien entstanden sind. Der gesamte zweite Teil ist der Musik Mozarts gewidmet, der klingenden Leitfigur des hochmusikalischen Choreografen. Nach der Pause der bewegendste Beitrag des Abends: Petite Mort, geschaffen für die Salzburger Festspiele zum 200. Todesjahr des Komponisten 1991 zur Musik der langsamen Sätze aus den Klavierkonzerten in A-Dur KV 488 und C-Dur KV 467. Musik von kristalliner Schönheit und hauchzarter Melancholie in einer kongenialen Einspielung von Mitsuko Uchida, die Kylian zu einer Symphonie überirdischer Harmonie inspiriert. Bewegungen von nobler Intensität, sanfter Vollkommenheit, feiner Erotik und verschleierter Morbidität, die jedem Zeitgeist entrückt scheinen. Die Tänzer zelebrieren die Offenbarung in fleischfarbenen Trikots, quasi in nackter Abstraktion. Bewegungen in Trance, schreitend wie Todesengel. Menschen, die zunächst mit leichten und dennoch gefährlichen Floretts spielen und sich in edler Dezenz erotisch näherkommen. Ein Seiltanz zwischen Liebe und Tod, hintergründig wie Mozarts Musik. Ein „Petite Mort“ eben. Und ein „Kleiner Tod“ in purer Schönheit.

Foto © Bettina Stöß

Die folgende Umbaupause wird genutzt für die Einspielung einer Szene aus Kylians Filmprojekt Birth-Day, einer Geburtstagsgabe für den Salzburger Meister. Gezeigt wird eine umwerfend komische und hochvirtuose „Bettszene“ aus galanter Zeit zur flotten Musik eines frühen Divertimentos, zu der der Film in überdrehter, slapstickhafter Geschwindigkeit abgespult wird. Dass Bewegung und Musik punktgenau passen, ist ein kleines Meisterwerk der Filmkunst. Rokoko-Kintopp vom Feinsten. Und humorvoll schließt der Abend auch mit sechs viel zu kurzen Tanzszenen zu Mozarts Deutschen Tänzen KV 571, späten Meisterwerken von entwaffnender stilistischer Vielfalt auf der Höhe der Kunst des Meisters, die Kylian mit leichter Hand wie galante Degenkämpfe arrangiert. Ein Spiel mit malerisch wehenden Seifenblasen, skurrilen „Beziehungskisten“, viel Ironie und ebenso viel Tempo.

Der Abend beginnt mit Wings of Wax, einer Bewegungsimpression zum Traum des Menschen, die Schwerkraft überwinden zu können wie einst Dädalus und Ikarus. Ein auf den Kopf gestülpter Baum stellt die Welt auf den Kopf. Davor bewegen sich die Tänzer zur Musik von Biber, Bach und Glass wie schwerelose Federn. Düster und gänzlich abstrakt gibt 27‘52 dem Abend vor der Pause eine fast bedrohliche Farbe. Ein wenig etüdenhaft wirkt das recht lange Stück im Umfeld der charmanteren Nachbarwerke.

Nach dem Publikumserfolg mit Tschaikowskys kunterbuntem Nussknacker dürfte auch dieses ambitionierte und tänzerisch auf hohem Niveau präsentierte Programm auf großes Interesse stoßen. Das Publikum reagiert jedenfalls mit langanhaltenden Begeisterungsstürmen.

Pedro Obiera