Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Stefan Theil

Aktuelle Aufführungen

Mit Inbrunst und Sendungsbewusstsein

LANGE NACHT DER KURZEN STÜCKE
(Diverse Choreografen)

Besuch am
11. November 2016
(Premiere)

 

 

Tanz Karlsruhe, Tempel Scenario

Das Festival Tanz Karlsruhe bietet seit Anbeginn der lokalen Tanzszene ein Forum, um sich dem Publikum zu präsentieren. An zwei aufeinander folgenden Abenden nehmen engagierte Gruppen aus der Umgebung die Szenario-Halle im Kulturverein Tempel in Besitz. Jeder Beitrag erhält rund zehn Minuten Zeit auf der Bühne – mehr geht nicht, denn die Liste der Teilnehmer ist lang. Als charmante Moderatorin führt Ines Haffner durch den Abend und hat zu jedem Beitrag eine kleine Einführung parat.

Insgesamt sechszehn Beiträge sind dieses Mal zusammengekommen und sie vereinen lokale Tanzschulen, Junior-Companies, Solisten und solche, die bereits professionell auf der Bühne zuhause sind. Auch wenn das Dargebotene vielfältig ist, überwiegen die Formensprachen des zeitgenössischen Tanzes, sprich: moderner Tanz, Jazz, urbane Tänze, Showtanz, Akrobatik. Aber auch Kung-Fu-Kämpfer und ein Percussion-Duo sind mit von der Partie. Letztgenannte stechen aus der ansonsten recht homogenen Zusammenstellung heraus: BeatBop, das sind die jungen Drummer Jonas Völker und Timo Gerstner, die mit ihrem Esstisch-Geschirr, Stimme und einer kleinen Choreografie zu ihrer kreativen Komposition Sehr angenehm dem Publikum ein breites Lachen auf die Gesichter zaubern.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch auch die ernsten Beiträge können überzeugen: Joschua Taake zeigt eindrücklich in The Queen‘s Room Regungen einer Königin, die sich unbeobachtet fühlt. Das Duett der Kompanie Edan Gorlicki & Dancers verhandelt messerscharf in A little too close, wie ein Paar sich aneinander abarbeitet, ohne zum Schluss den Humor zu vergessen. Katherina Vlasova und Amadeus Pawlica nehmen in Na Zd(o)rowje das Publikum mit auf eine osteuropäische Beerdigung, bei der reichlich Alkohol fließt.

Foto © Bernd Hentschel

Aber auch die Gruppenbeiträge an diesem Abend zeugen von Engagement und Leidenschaft für den Tanz. Die Tänzerinnen des Ballettstudios La Remise/Hélène Verry zeigen einen Ausschnitt aus Full Moon, in dem Ballett und Kung Fu aufeinander treffen und zwei asiatische Drachen Farbe auf die Bühne bringen. Inbrünstig und mit Liebe zum Detail tanzen die Mädchen der Corpus Company In Time. Ebenfalls von ihrem technischen Können zeugend, ist die Choreografie Karma der Formation Convergent, in der moderner Tanz und Parcour aufeinander treffen.

Es ist nachvollziehbar, weshalb die „lange Nacht der kurzen Stücke“ eine feste Größe innerhalb dieses Festivals ist. Hier hat die lokale Szene Gelegenheit, zusammen zu kommen und sich zu begegnen. Es ist eine vorwiegend junge Generation von Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne, deren Sendungsbewusstsein und Präsenz beeindruckend ist. Langes, offenes Haar fliegt durch den Raum, wenn die Köpfe schwungvoll-dramatisch kreisen, die Blicke in den Zuschauerraum sind selbstbewusst und zielgerichtet.

Wiederholt dringt Applaus in den Zuschauerraum, den sich die Gruppen hinter der Bühne gegenseitig spenden. Das zeugt von bewahrenswertem Gemeinschaftssinn, der in der professionellen Szene schnell mal über Bord gehen kann. Auch die Moderatorin wird von dieser Wärme angesteckt und kommentiert schmunzelnd: „Also hinter der Bühne sind sie ganz nett zueinander!“ Das Publikum ist ebenso positiv gestimmt und bezeugt jedem Beitrag anerkennenden Applaus.

Dem Festival kann man daher eines mit Sicherheit bescheinigen: Mission erfüllt. Es spielt eine untergeordnete Rolle, wie gut die Tänzerinnen und Tänzer ihre jeweilige Technik bereits beherrschen. Ihr Wille zum Ausdruck ist es, der sie bewegt. Und das ist es schließlich, was Tanz ausmacht.

Jasmina Schebesta