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Kulturmagazin mit Charakter

Marina Medvedeva, Sopran, Hochschule für Musik und Theater Rostock - Foto © Opernnetz

Wettbewerb

Wie die Jury tickt

Zum 17. Mal findet dieser Tage der Maritim-Gesangswettbewerb im Maritim-Seehotel am Timmendorfer Strand statt. Während die letzten Zimmer für das Finalwochenende bezogen werden, finden bereits am Donnerstag und Freitag die Halbfinale statt.
Meredith Nicollai, Mezzosopran, Hochschule für Musik und Theater Hamburg. - Foto © Opernnetz

Wer an diesem Donnerstagnachmittag dem Salon „Bonn“ zustrebt, ist von zweierlei Gefühl geprägt. Da gibt es einerseits die Freude auf das Wiedersehen mit den Kollegen, mit denen man zum letzten Mal vor einem Jahr zusammensaß. Und andererseits baut sich die Konzentration auf die bevorstehenden Ereignisse auf.  Denn in dem Salon neben dem Konzertsaal ist die Jury des internationalen Maritim-Gesangswettbewerbs untergebracht. Wie bei jedem der vergangenen 16 Wettbewerbe, die das Maritim-Seehotel am Timmendorfer Strand ausgerichtet hat, ist es Rainer Wulff als Jury-Vorsitzendem auch in diesem Jahr wieder gelungen, eine ausgeglichene Jury zusammenzustellen, die die beiden Halbfinale und das Finale begleiten.

Wulff hat den Wettbewerb im Laufe der Jahre zu einem Gesamtwettbewerb der norddeutschen Musikhochschulen ausgebaut. Einst mit Hamburger Studenten begonnen, gesellten sich Lübeck, Rostock und Hannover hinzu. Mit der Hochschule Bremen, die in diesem Jahr zum zweiten Mal vertreten ist, schließt sich der Kreis.

Die erste Runde des Sängerstreits fand bereits in Oktober und November an den Hochschulen statt. 46 Sängerinnen und Sänger aus 19 Nationen traten mit ihren Klavierbegleitern in der Vorausscheidung an. Verblieben sind 15 Sänger aus 12 Nationen, die am Donnerstag und Freitag vor dem Hotelpublikum im Konzertsaal auftreten, um sich für das Finale am Samstag zu qualifizieren. Fünf Soprane, drei Mezzosoprane, zwei Tenöre, ein Bariton und zwei Bässe zeigen ihr Können in Oper, Oratorium und Lied.

Milana Butaeva steht selbst als erfolgreiche Mezzosopranistin auf der Bühne. Bis heute fiebert sie als Jurorin ein wenig mit, wenn die Wettbewerbsteilnehmer die Bühne betreten, weil sie zu gut nachvollziehen kann, wie die jungen Leute sich in diesen Momenten fühlen. Was sie in ihrem Urteil natürlich ebenso wenig beeinflussen kann wie den Bariton Hartmut Bauer, der wohlwollend, aber mit wachem Ohr den Auftritten folgt. Dominique Caron, Intendantin der Eutiner Festspiele, sieht schon mal 15 potenzielle Rolleninhaber für die nächsten Festspiele vor sich. Und sie trifft unter den Teilnehmern auch gleich auf eine „alte Bekannte“. Caroline Nkwe war bereits vor zwei Jahren beim Maritim-Musikpreis angetreten und in der Folge bei der Aida der Festspiele zu erleben.

Anspruchsvolles Programm

Dass für Nkwe aus dieser Bekanntschaft Vorteile erwachsen könnten, weist Caron entschieden zurück. Schließlich sei sie – neben ihrer Funktion als Jurorin – hier, um neue Talente zu entdecken. Und da könnte es die dunkelhäutige Sängerin gerade doppelt schwer haben. Schwerer jedenfalls als beispielsweise eine Meredith Nicollai, die mit ungewöhnlichem Repertoire zu punkten versucht. Es ist so schön aus Transit für Mezzosopran und Klavier von Dijana Bošković trägt sie vor. Und das mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz, mit der sie ihren Vortrag professionell gestaltet.

Zwar ist auch Christian Strehk, Kulturredakteur bei den Kieler Nachrichten, von solchem Aufwand beeindruckt, merkt aber gleichzeitig kritisch dazu an, dass die Sängerin sich mit dem ungewöhnlichen Vortrag in gewisser Weise der Vergleichbarkeit entziehe. Natürlich, darin sind sich die Jury-Mitglieder einig, wolle man sich auch hier nicht der zeitgenössischen Musik verschließen, gleichwohl kann man nicht auf gewohnte Hörmuster zurückgreifen. Das mache es schwieriger. Und Cornelia Preissinger, Künstlerische Betriebsdirektorin und Stellvertreterin des Intendanten an der Staatsoper Hannover, die zum ersten Mal der Jury angehört, wird die Sängerin nach der Jury-Entscheidung dazu befragen, ob sie damit möglicherweise künstlerische Defizite überbrücken wolle. Nicollai wird dazu erklären, dass sie an dem Wettbewerb nur teilgenommen habe, weil sie gehofft habe, diese künstlerischen Anteile würden genauso respektiert.

Sinnvoller könnte es da schon sein, wenn man bewusst die Muttersprache wähle. Die gebürtige Russin Marina Medvedeva hat sich Ne poi, krasavitsa prim ne, zu Deutsch etwa „Oh, liebes Mädchen, singe nicht vor mir“, von Sergej Rachmaninow ausgesucht. Da komme doch noch mal eine andere Innigkeit zustande, bemerkt Butaeva.

Am Ende des ersten Halbfinales steht ein durchaus als feudal zu bezeichnendes Abendmahl in Form eines Buffets. Da finden sich auch Jürgen Feldhoff von den Lübecker Nachrichten und Hans-Peter Raiß von Radio Bremen am Juroren-Tisch ein. Wieder bringen sie ihre jahrelange Erfahrung in die Diskussion ein, die sofort entbrennt. Was auffällt, ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Juroren sich mit dem Wettbewerb beschäftigen. Bei größeren Wettbewerben entsteht bei den Juroren schon mal der Eindruck, als „Stimmvieh“ missbraucht zu werden. Am Timmendorfer Strand steht so etwas nicht zur Debatte. Stattdessen versuchen die Juroren, sämtliche Aspekte des Wettbewerbs zu durchleuchten.

Entscheidungen werden an diesem Abend ohnehin nicht gefällt. Aber es bleibt das wohlige Gefühl, sich mit den ausgewiesenen Experten über die offenen Fragen des Tages unterhalten zu haben. Kein „Daumen rauf, Daumen runter“, sondern eher „Müssen wir die Altersunterschiede berücksichtigen?“ oder „Wie gehend wir auf die individuellen Fähigkeiten dieses Sängers ein?“ Noch bleibt alles unverbindlich. Das zweite Halbfinale steht schließlich aus. Aber auch am nächsten Tag wird sich die individuelle Betrachtung nicht ändern. Das ist eine der ganz großen Stärken dieses Wettbewerbs.

Am Ende einer anstrengenden Veranstaltung taucht Manja Brandt auf, um die Juroren persönlich zu begrüßen. Sie ist die Stellvertretende Direktorin des Maritim-Seehotels. Das geschieht kurz, herzlich und bündig. Denn für das Maritim-Seehotel gibt es eine klare Direktive. „Wir mischen uns in den Wettbewerb nicht ein“, erklärt Jochen H. Stop als Direktor des Hauses. Und das macht den Wettbewerb so sympathisch: Die Bedingungen sind klar und eindeutig. Das Hotel richtet den Musikpreis aus und freut sich über vollbelegte Betten in der Winterzeit. Das ist der Deal. Wenn das mal so klar bei andern Wettbewerben wäre.

Am kommenden Nachmittag steht das zweite Halbfinale des Gesangswettbewerbs an. Preissinger freut sich auf Überraschungen. Denn das Niveau des ersten Halbfinales war eher ausgeglichen. Und ein Wettbewerb lebt schließlich von Überraschungen.

Michael S. Zerban