Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Buch

Ehrlich, unterhaltsam und aufschlussreich

Ein Name, der Tanzgeschichte schrieb und mit dem Begriff des modernen Tanztheaters untrennbar verbunden ist. 1940 wurde sie in Solingen geboren und auf den Namen Philippine getauft. Sie wuchs im bürgerlichen Umfeld auf, mehr bieder als künstlerisch war ihr Elternhaus. Im väterlichen Hotelbetrieb mussten die Kinder durchaus auch mal mitarbeiten und ihren Beitrag leisten. Aber Philippine Zug ist früh zum Tanz, und bereits mit 15 erhielt sie ein Stipendium an der Folkwang-Schule in Essen. Dann ging es schnell. Mit 19 schaffte sie ihr Abschlussexamen im Bühnentanz und Tanzpädagogik, im gleichen Jahr verlieh man ihr den Folkwang-Preis für besondere Leistungen. Ein längerer Aufenthalt zur Ausbildung folgt in Amerika, aber schnell zieht es sie in die Heimat zurück, und 1962 wird sie Solistin im neu gegründeten Folkwang-Ballett. Sie arbeitet mit vielen Choreografen zusammen und gewinnt verschiedene Preise mit eigenen Schöpfungen. Im entscheidenden Jahr 1973 gelingt es dem damaligen Intendanten Arno Wüsstenhöfer Philippine, die sich mittlerweile Pina Bausch nennt, zur Leiterin des Balletts der Wuppertaler Bühnen zu machen. Von dort nimmt die bekannte Erfolgsgeschichte ihren Lauf zur Weltkarriere.

Mit schier unerschöpflicher Energie und Disziplin entwickelt sie in Wuppertal ihren eigenen Choreografie-Stil, verbindet verschiedene dramatische Ausdruckselemente und kreiert dabei auch den Mythos um ihre eigene Person. 

Hier setzt nun das Buch O-Ton Pina Bausch, Interviews und Reden an. Entgegen der allgemeinen Meinung der unnahbaren, ja, wenn nicht sogar schrulligen Künstlerin offenbaren die abgedruckten Interviews einen Einblick in die Gedankenwelt des Genies Pina Bausch. Ihre Demut vor dem menschlichen Körper und Geist, ihre profunde Analyse von Handlungsmodellen und Verhaltensweisen dokumentiert sie in der schöpferischen Arbeit. „Tanz kann fast alles“, hat sie selbst geäußert und in ihrer vielfältigen Arbeit bewiesen.

POINTS OF HONOR
Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/Leistung
Verarbeitung
Chat

In chronologischer Reihenfolge begleiten wir im O-Ton die Ausnahmepersönlichkeit auf ihrem Werdegang und lernen in zirka 30 Gesprächen mit von Pina Bausch ausgewählten Gesprächspartnern aus ihren Antworten eine gefühlvolle sensible, selbstbewusste und tiefsinnige Frau kennen, die sich gegen Widerstände im Kampf um ihre Ideen stemmt und sich schützend vor die Mitglieder ihrer Compagnie stellt. Entwaffnend ehrlich und verletzlich fragil erscheint die 2009 Verstorbene, die nicht nur sich, sondern auch ihr Publikum immer wieder herausfordert, sich mit Fragen auseinander zu setzen und sich neuen Situationen gegenüberzustellen. Ihre Werke entstehen in einem Prozess mit den Tänzern. Die Idee, eine Situation oder Frage steht am Anfang, die Antwort, die Reaktion, der Tanz beziehungsweise die Dramaturgie entwickeln sich interdisziplinär im Dialog der Choreografin mit den Tänzern.

Der Einbezug der Sprache, das Textesprechen der Tänzer war bahnbrechend als ihr Stilmittel. So war es nur logisch, dass sie die klassische Tanzform Ballett durch den Begriff Tanztheater ersetzte. In den Interviews erkennt man die Rastlosigkeit der zarten stark rauchenden Person, aber sie erscheint nicht manisch oder getrieben. Sie findet in Ihren Worten unterhaltsam ehrlich, manchmal fast naiv wirkende Erklärungen für Ihre Vorgehensweise. Authentisch und spannend sind die kurzen inhaltsreichen sprachlichen Auseinandersetzungen, für Fans der früh verstorbenen Pina Bausch eine Begegnung, ein durch ihre Worte lebendiges Wiedersehen. Ihre Stücke werden auf der ganzen Welt unverändert erfolgreich aufgeführt. Verschiedene Tanzcompagnien übernehmen ihre Kreationen. Hier hilft die Auseinandersetzung mit dem Buch. Der O-Ton der Künstlerin eröffnet Rückschlüsse und Hintergrundinformationen, um die Rätsel um ihre Werke zu entschlüsseln.

Helmut Pitsch