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Leserbrief

zum opernnetz-backstage mit Gabriele Rech und Wolfgang Willaschek zum Thema Operette. Auslöser für dieses backstage Zu lesen hier) war die Inszenierung von Emmerich Kálmáns Die Herzogin von Chicago im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen.

 

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Wider das Operettensterben

Zu ihrer Diskussion möchte ich einiges aus meinen Erfahrungen rund um die bunte Welt der Operette schreiben.
Das schöne Bild von Frau Rech: "Da gibt es viel zu entdecken, glaube ich, da muss man eher die Kiste aufmachen und herrliche Schmetterlinge raus fliegen lassen, anstelle Motten" kann ich nur unterstreichen. Auch ihre Beschreibung der Vielseitigkeit, die dieses Genre aufweist, gefällt mir sehr. Seit Volker Klotz´ eigentlich schönem Operetten-Buch (Volker Klotz, Operette – Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst. Bärenreiter-Verlag Kassel) gibt es leider ein weiteres Gefälle im Reich der leichten Muse, das durch die Klassifizierung des Autors ausgelöst wurde. Dadurch werden einige Werke von vorne herein als unsinnig und schlecht abqualifiziert. Wie ich finde, zu Unrecht, siehe Schmetterlingskisten-Zitat! Da werden einige Werke je nach persönlichen Sympathien des Autors und seiner Auswahl gleich in den Orkus der Geschichte geworfen oder zu Meisterwerken hochgejubelt.
Aber leider trifft man an den Theatern der Republik gerade in Kollegenkreisen immer wieder viele Mitarbeiter an, die die Operette nach dem Motto „Oh-per-rette sich wer kann“ abtun und dann leider auf die leichte Schulter nehmen. Motto: Man muss sie halt einmal im Jahr auf den Spielplan setzen, und das war´s dann. Damit wird natürlich auch ein Teil des Publikums in Misskredit gebracht, und der Qualität der Inszenierungen schadet diese Einstellung.
So hatte ich vor einigen Jahren in Trier anlässlich einer Nacht in Venedig-Inszenierung folgenden Dialog mit einem Orchestermusiker: Ich: „Ist das nicht eine wunderbare Musik. Und gar nicht so leicht für das Orchester?“ Er: „Na ja. Schwer, ich weiß nicht. Und  das kriegen wir auch noch rum. Muss halt auch sein.“
Der Dirigent gab sich übrigens die größte Mühe, mit dem Orchester anständig zu arbeiten. Er stieß dabei bei den Proben nicht auf all zu große Begeisterung, obwohl am Ende ein schönes Ergebnis herauskam. Aber diese Haltung ist nicht selten anzutreffen. Nicht nur unter Orchestermusikern.
In einem Land, in dem wir zwischen schwerer, gewichtiger E-Musik und leichter U-Musik unterscheiden, haben es Werke aus dem Genre Operette eben besonders schwer. Versuchen Sie an den Häusern mal das Ballett für Ihre Inszenierung zu gewinnen. Fast unmöglich! Hier ist übrigens das Krefelder Theater eine rühmliche Ausnahme und der Erfolg beim Publikum gibt dieser Maßnahme recht. Auch für die meisten Schauspieler, die oft in Operetten gebraucht werden, ist das Wort „Operette“ leider oft schon mit dem Gedanken an Strafarbeit verbunden
Musik, die zum Mitsingen, Träumen, Tanzen oder gar Schunkeln gedacht ist, darf sich niemals als ernstzunehmende Konkurrenz zur Oper oder gar zum Konzert betrachten. So der allgemeine Tenor!
Gerade vor einigen Wochen hatte ich eine intensive Diskussion mit einem Arthur Sullivan-Experten, der alles daran setzte, dass sein (ja wirklich sehr vielseitiger) Komponist nur ja nicht als banaler Operetten-Komponist abgetan würde. Das war übrigens kurz vor der erfolgreichen Premiere von Sullivans Die Piraten von Penzance am Münchner Gärtnerplatz-Theater, was dem Experten gar nicht behagte, da Gilbert und Sullivan so wieder im Reich der Operette erfolgreich Einzug hielten.
Operette hat es einfach schwer. Wurden noch bis in die 70er Jahre an vielen Häusern bis zu vier Operetten jährlich auf den Spielplan gesetzt und leisteten sich viele Stadttheater ein kleines aber feines Ensemble für dieses Genre, begann das Operetten-Sterben in den frühen 80er Jahren und reduzierte die Werke der so genannten leichten Muse auf einen notgedrungen zu spielenden Kanon von maximal zehn Operetten, die bis heute an allen Häusern regelmäßig aufgeführt werden. Dazu zählen die unverwüstliche Fledermaus und zwei  bis drei weitere Johann Strauss-Operetten, drei bis vier Lehár-Werke, Im weißen Rößl, Der Vetter aus Dingsda, und nun ja, mal Gräfin Mariza, mal Der Bettelstudent, Der Vogelhändler und ganz selten einmal ein Offenbach.
Schon Giuditta ist für viele Intendanten ein unkalkulierbares Risiko. Oder wer traut sich noch an Madame Pompadour oder Frau Luna?
Als Sohn eines Operetten komponierenden Vaters und bekannten Dirigenten habe ich die Operette mit der Muttermilch quasi zu mir genommen.
In den 60er und 70er Jahren am Staatstheater Saarbrücken sog ich als kleiner Junge alles auf, was ich kriegen konnte (nicht nur Operetten sondern auch alle anderen Werke, die gespielt wurden. Damals wurde noch in jeder Spielzeit eine Oper von Albert Lortzing aufgeführt) und habe so wunderbare Erinnerungen an Mam´zelle Nitouche oder Der fidele Bauer, an Die Zirkusprinzessin oder Der Mikado, an Meine Schwester und ich oder Polenblut und, und, und sammeln können. Auch die wilden Jahre, in denen Rockmusik oder Opernarien mich zu begeistern begannen, haben mir die Freude an der Operette nicht nehmen lassen.
Interessanterweise hat mein Vater, der als Dirigent in Deutschland große Erfolge feiern durfte, für seine Leidenschaft immer ein Pseudonym benutzt. So wuchs ich auch mit Fred Frederick und Frank Kolar als musikalische Väter auf und hatte meinen Spaß an diesen künstlerischen Volten und vor allem auch an seinen schwungvollen  Kompositionen, die ins Ohr gingen..
Die Operette Alles Capriolen, die auch meinen Großvater Emil Köhler als Co-Komponisten zeichnet, schaffte es nach ihrer Uraufführung am Theater Koblenz 1953 sogar in einen der damaligen Operettenführer, immerhin vom Rowohlt-Verlag, und an drei weitere große Bühnen (Ingolstadt, Coburg, Freiburg).
Gerade jetzt habe ich Melodien aus den zahlreichen Operetten und Musicals meines Vaters und Großvaters benutzt, um für das „Sommertheater in der Winzerscheune“ bei Koblenz eine heitere Operetten-Revue zu schreiben und diese dort zu inszenieren.

Das Problem, weshalb Operetteninszenierungen so oft mit einer Pleite enden, liegt sicher daran, dass auch viele Regisseure diese entweder lieblos mit all ihren abgestandenen Witzen und Klischees eins zu eins ohne Sinn und Verstand inszenieren, oder das Werk als Baustelle für ihre Regieambitionen benutzen, womit sie am Ende meist auch leider Schiffbruch erleiden. Dass dabei manchmal auch sehr gute Interpretationen gelingen, soll hierbei nicht verschwiegen werden. Ein flotter  Zigeunerbaron von Andreas Baesler vor einigen Jahren in Mannheim oder auch Konwitschnys Berliner Land des Lächelns fallen mir dazu ein, obwohl diese Aufführungen teilweise auf großen Protest des Publikums stießen. In wie weit das die schon legendäre Dresdner Czárdásfürstin betrifft, vermag ich leider nicht zu beurteilen.
Die Kunst am Inszenieren einer Operette liegt sicher darin, die Geschichte mit viel Liebe aber trotzdem mit frischem Elan auf die Bühne zu bringen. Das kann mit einer Prise Ironie ebenso funktionieren wie durch das Ernst nehmen des Sujets, je nach Vorlage.
Ich erinnere mich an eine Land des Lächelns-Inszenierung von Joseph E. Köpplinger in Regensburg, die durch ihre Nähe zu Schnitzler überzeugte, ohne dem Werk sein eigenes Ich zu rauben.
Aber natürlich muss sich ein Team einer Lehár-Operette anders nähern als zum Beispiel einer Maske in Blau oder dem fast schon „bronzenen“ Werk Hochzeitsnacht im Paradies. Natürlich kann man als Regisseur an eine Operetteninszenierung nicht mehr aus der Sicht von vor fünfzig Jahren herangehen. Das ist da und dort ab und an noch zu beobachten, (meist bei sogenannten Operettenfestivals, die um die Gunst des Publikums buhlen, aber auch an Stadttheatern) kommt meist auch nicht schlecht an, schadet aber der ganzen Sache mehr, als es Nutzen bringt. Die völlige Zertrümmerung einer Operette kommt meist zu dem Ergebnis, dass das Werk dann doch viel stärker ist als die Idee, die erzählt werden sollte, (siehe die Berliner Lustige Witwe oder Kölns misslungene Reise mit Orpheus in der Unterwelt) und das ganze Projekt geht völlig baden.
Gerade der Besuch des Weißen Rößl vermittelt dabei immer wieder das positive Beispiel von erfrischenden und gelungenen Inszenierungen, nicht zuletzt, weil auch Schauspielensembles sich an dieser Operette meist erfolgreich versuchen. (Zuletzt sehr schön am Hamburger Thalia-Theater, aber mir fallen auch Aufführungen in Krefeld oder Dortmund ein).
Es ist wirklich schade, dass es nicht gelingt, auch andere Werke aus dem Bereich der Revueoperette mit diesem Verve wiederzubeleben.
Ein weiterer Grund für das große Operettensterben liegt sicher auch darin begründet, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Siegeszug des Musicals begann, der bis heute nicht zu stoppen ist. Dabei gibt es natürlich auch viele gelungene Werke, die zum Teil in der Tradition der Operette verhaftet sind (My fair Lady, Kiss me Kate, Hello Dolly) aber natürlich auch andere eigenständige und sehr gute Werke.
Solange Operetten auf den Spielplänen erscheinen, sollte man versuchen, das Operetten-Sterben zu stoppen und viele Werke vor dem Schicksal des Vergessenwerdens zu bewahren. Dass dies Mut erfordert und nicht leicht zu bewerkstelligen ist, zeigen die wenigen Rettungsversuche mutiger Intendanten und Theatermacher. In Trier versuchte es Heinz Lukas-Kindermann Anfang des Jahrtausends mit Heubergers Der Opernball und dem völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen anderen Wiener Straus: Oscar und seinem Walzertraum..
Leider habe ich Die Herzogin von Chicago in Gelsenkirchen noch nicht gesehen, aber ein Werk zu besuchen, das noch bis in die 50er Jahre viel gespielt wurde, wie ein Blick auf alte Spielpläne der Stadttheater beweist, lohnt sich in jedem Fall .
Übrigens muss man ja auch eine Aufführung von Lehárs "Der Graf von Luxemburg" schon als mutiges Unterfangen für ein Theater bezeichnen, gehört diese Operette nicht zu den ganz großen Publikumsreißern des Komponisten der "Lustigen Witwe".
In jedem Fall finde ich es wichtig und sehr gut, dass diese Diskussion ins Rollen kommt, die sicher noch andere Befürworter aber auch Gegner auf den Plan rufen dürfte, und ich bin sehr gespannt auf weitere Beiträge.

Klaus-Dieter Köhler

Zum Autor des Leserbriefs:

Klaus-Dieter Köhler,
geboren 1959 in Köln, ist aufgewachsen in Saarbrücken und Wiesbaden, wo sein Vater Siegfried Köhler als GMD engagiert war. Er arbeitete als Regieassistent, dann als Regisseur mit festen Engagements an den Opernhäusern in Wiesbaden, Frankfurt, Dortmund u.a.; einige Jahre wirkte er als freier Regisseur, Musikdramaturg, schließlich von 1995 bis 2004 als Oberspielleiter des Schauspiels am Theater Trier. Seit 2004 lebt Klaus-Dieter Köhler als freier Regisseur in Wiesbaden.

Seine Inszenierungen führten ihn ans Volkstheater Rostock, Vereinigte Bühnen Krefeld/Mönchengladbach, Landestheater Schwaben, Memmingen, Theater Dortmund, Theater Altenburg/Gera, Theater Trier, Städtische Bühne Lahnstein u. a.
Die Krefelder Premiere von Der Graf von Luxemburg ist für den 17. Oktober 2009 vorgesehen
Klaus-Dieter Köhler ist Dozent an der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer.