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Opernnetz berichtet täglich von den Vorbereitungen des Gastspiels Die Entführung aus dem Serail, das die Kölner Oper am vergangenen Samstag in Sulaimania erstmals aufgeführt hat.
Montag, 7. März 2011:
Das Ende ist der Anfang
In den vergangenen Tagen hat sich das Leben vieler Menschen verändert. Bei den einen ein wenig mehr, bei den anderen weniger. Unberührt ist keiner von denen geblieben, die an Iraks erster Opernaufführung teilgenommen haben. Die wahrhaft überzeugende Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg unter der musikalischen Leitung von Konrad Junghänel war nur die eine Seite der Medaille, die andere ist die der persönlichen und politischen Auseinandersetzung mit der Situation im Irak und insbesondere in Kurdistan.
Während die Teilnehmer der Gastreise am letzten Tag wohlverdient einen tieferen Einblick in die landschaftlichen Schönheiten nehmen dürfen, aber auch mit den Kriegsgräueln konfrontiert werden, ehe sie in der Nacht das Flugzeug gen Heimat besteigen, „vollkommen erschöpft“, erzählt Betriebsdirektor Tobias Werner, wollen wir den Versuch eines Fazits wagen. Es muss ein Versuch bleiben, weil sich aus dieser Begegnung noch ganz viel entwickeln wird. Dafür wird schon Ihsan Othmann sorgen, der Kurde, Schauspieler, Regisseur und Verfechter friedlicher Lösungen. Er wird weiter dafür kämpfen, dass die Welt auf Kurdistan schaut. Ebenso wie Christoph Bleidt, Intendant des Theaterhauses Berlin-Mitte, und seine Mitstreiterin Hella Mewis, die mit ihrem Netzwerk zum Aufbau kultureller Beziehungen zum Irak Lobbyarbeit im besten Sinne betreiben.
Die mehr als hundert Reisenden in Sachen Kultur haben in der vergangenen Woche sehr weit über den Tellerrand des eigenen Kulturbetriebes mit seinen ganz eigenen Problemen hinausgeschaut. Sie haben Einblicke in eine andere Welt gewinnen dürfen, in eine Welt voller Hoffnung nach unendlichen Leiden. Deutsche Medien berichten immer noch am liebsten über diese Welt im Aufbruch, wenn Gewalt und Drangsal eine Rolle spielen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Künstler, Darsteller, Musiker und ihre Zuarbeiter sind aufgebrochen, um im Irak eine Botschaft zu verbreiten. Die Botschaft von Weltoffenheit und Toleranz. Sie kehren als Botschafter zurück, die den Deutschen davon berichten werden, dass die Assoziation von Kurdistan und Gewalt eine falsche ist.
Vielmehr werden sie von einem zutiefst verletzten und gedemütigten Volk berichten, dass alle Anstrengungen unternimmt, um sich zu schützen und eine Zukunft zu schaffen, die es jahrzehntelang nicht mehr gab. Wie selbstverständlich ist hier der Umgang mit Waffen. Die Maschinenpistolen sehen so aus (und sollen wohl auch so aussehen), als stünden sie im täglichen Einsatz, um Gewalt zu verbreiten. Die Kurden selbst erleben die Gegenwart von Waffen weniger als Gefährdung denn als Schutz.
Hier soll nichts beschönigt werden. Es muss die Frage erlaubt sein, warum ein Parteigenosse eine Waffe im Handschuhfach seines Wagens mitführt. Warum hunderte von Soldaten beinahe täglichen Demonstrationen gegenüberstehen, während die politische Führung erklärt, Demonstrationen seien ein wichtiges und legitimes Mittel der Demokratie. Wer beginnt, Analogien beispielsweise in westlichen Ländern zu suchen, wird schnell Antworten finden, die jenseits der medialen Indoktrination liegen.
Angesichts der Tatsache, stets von Sicherheitskräften in Zivil begleitet zu sein, wurde in dieser Woche auch unter den Gästen viel diskutiert – über Selbstschutz, Waffeneinsatz, Demokratisierung und Frieden. Unisono kommt nach einer Woche die Antwort, wie wohl man sich in der freundlichen Umgebung der Kurden gefühlt habe. Vielfach wird die mediale Sensationsgier angeprangert; bei einigen ein geradezu freundschaftsähnliches Verhältnis zu den Beschützern (das sind die waffentragenden Sicherheitskräfte wohl in erster Linie) aufgebaut. Der unbedingte Willen zum Frieden, die freundliche Aufnahme der Gäste steht letztendlich im Vordergrund.
Dieses Land hat andere Lösungsangebote, als auf andere Menschen zu schießen. Den Willen dazu hat es auch mit den Aufführungen der Entführung aus dem Serail gezeigt. Ein erster Erfolg, gemessen an der medialen Resonanz und den Besucherzahlen, dem nun weitere Schritte, auch auf anderen Gebieten, folgen müssen.
Für die Kölner Oper, so hört man, ist der Ausflug in den Irak ein finanzieller Erfolg. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist es nach deren Worten eine einzigartige Erfahrung. Für die autonome Region Kurdistan der Republik Irak sei es ein wichtiges Signal in Richtung Normalität, sagt Mulla Baxtiar. So ist das Fazit dieser Woche zugleich Aufforderung an die irakische Regierung: Macht weiter so!
Morgen kehrt die hundertköpfige Delegation der Kölner Oper in die Heimat zurück. Zurück in ein Land, in dem Reformen mindestens ebenso notwendig sind wie im Irak. Den starken Willen, die Verhältnisse in ihrem Land zum Besseren zu wenden, werden die Delegationsteilnehmer wohl vermissen. Was ihnen bleibt, ist das Bewusstsein, mit ihrer Arbeit ihren Teil zur Veränderung beitragen zu können.
Michael S. Zerban
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Sonntag, 6. März 2011:
Sieg der Kultur
Nach dem großen Erfolg des Vorabends ist Reflexion und Routine angesagt. Dass Öffentlichkeitsarbeit für eine Aufführung mindestens so wichtig ist wie die Vorstellung selbst, ist auch bei Laien inzwischen leidlich bekannt. Die Unterstützung seitens der Presseabteilung der Kölner Oper fehlt, aber davon lässt sich Projektleiterin Susanne Reinhard nicht entmutigen. Wie in diesen Tagen in so vielen anderen Bereichen gilt es zu improvisieren. Statt die Öffentlichkeitsarbeit strategisch geordnet zu gestalten, versucht sie, mit ihrem Team der Vielzahl der Anfragen gerecht zu werden. Es kommt schon ohne aktive Förderung einiges zusammen. Die heimischen Sender und Zeitungen fragen nach Fotos, Videomaterial, Originaltönen und geschriebenen Berichten. Regine Müller, freiberufliche Journalistin, die die Reise begleitet, arbeitet nahezu rund um die Uhr, um die Anfragen nationaler Sender, Agenturen, Zeitungen und Zeitschriften zu bedienen. Ganz nebenbei muss sie sich noch darum kümmern, wo sie wohnt, wie sie sich vor Ort bewegen kann und wie sie wieder nach Hause kommt. „80 Prozent meiner Kollegen wären am ersten Tag ohne Betreuung wieder abgehauen“, kommentiert sie emotionslos. Nicht etwa, weil Journalisten Mimosen sind, sondern weil sie vor Ort zu arbeiten haben, anstatt sich um die Organisation zu kümmern. Für die Organisationsfragen sind Presseabteilungen zuständig. Sie bleibt. Reinhard sowieso, und die bleibt hartnäckig. Auf das Ergebnis kann sie stolz sein, für die Presseabteilung der Kölner Oper ist es eine Bankrotterklärung: Quer durch Deutschland geht die Berichterstattung über das Ereignis. Mehr als zehn Hörfunk-Interviews, Fernseh- und Zeitungsberichte in allen wichtigen kurdischen Medien. Auch in Opernnetz wird es demnächst Videos und Audiobeiträge zu sehen und hören geben, die das Ereignis für Opernnetz-Besucher noch einmal ausführlich aufarbeiten.
Neben solchen Aktivitäten findet die Vorbereitung der zweiten Aufführung statt. Unter den Mitarbeitern der Kölner Oper machen sich die Strapazen der vergangenen Tage allmählich bemerkbar. Aber es gilt die Devise: Auch und gerade für die zweite Aufführung mobilisieren wir noch einmal alle Reserven. Es lohnt sich. Das Haus ist wieder voll. An diesem Abend erscheint auch Mulla Baxtiar, der Gastgeber, um das Ereignis zu genießen. Für den letzten Tag ist noch ein Ausflug vorgesehen, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenigstens etwas von dem Land sehen und mit allen Sinnen verstehen lernen, warum es sich lohnt, um Kurdistan zu kämpfen – wenn auch nicht mehr mit Gewalt, wie Aso, der in die Heimat zurückgekehrte Kurde zu Protokoll gibt: „Jetzt müssen wir mit Worten erreichen, was mit Waffen nicht gelungen ist.“
Michael S. Zerban
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Samstag, 5. März 2011:
Grandioses Intermezzo
Keine Atempause – Geschichte wird gemacht. In der Innenstadt von Sulaimania findet wieder eine Demonstration statt. Eine Gruppe des Ensembles gerät hinein, und Uwe Eric Laufenberg bekommt Gelegenheit, ein paar Worte zur Notwendigkeit der Demokratie zu sprechen. Anschließend findet ein Empfang bei Mulla Baxtiar, dem Gastgeber der Oper Köln, statt. Der Vorsitzende der Patriotischen Union Kurdistans, die derzeit die Regierungspartei stellt, unterstreicht die Bedeutung der politischen Demonstrationen und begrüßt sie ausdrücklich. Der ehemalige Partisan wirkt glaubwürdig und überzeugend, wenn er für die Rechte der Demokratie eintritt. Die Demokratie des Iraks der Zukunft solle aber keine 1:1-Übernahme etwa des deutschen Modells sein, sondern dürfe Tradition und Kultur des eigenen Landes nicht außer Acht lassen, betont er. Wobei die Kultur des Landes sich durchaus von der Kultur anderer Länder beeinflussen lassen dürfe. Und eben deshalb findet am Abend die Premiere der Entführung aus dem Serail in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg statt.
Das Telary Honer ist gut besucht. Damit ist der erste Erfolg schon verbucht. Staatspräsident Jalal Talabani hat sein Kommen für den Sonntag angekündigt. Viel wichtiger als staatstragende Persönlichkeiten im Publikum ist aber, dass sich ein überwiegend junges Publikum versammelt. Auch die Kleinkinder werden mitgebracht. Erstes Anzeichen dafür, dass diese Vorstellung etwas anders ablaufen wird, als es der deutsche Opernbesucher gewohnt ist. Lebendig geht es vor der Aufführung zu, lebhaft wird es bleiben. Für das Gürzenich-Orchester gibt es bei seinem Auftritt Vorschusslorbeeren. Dirigent Konrad Junghänel wird bejubelt. Tobias Werner und Susanne Reinhard haben bis zuletzt an den Übertiteln gearbeitet, jetzt nimmt Werner seinen Platz am Computer ein. Die Technik unter Volker Rhein ist bestens vorbereitet. Während die Entführung ihren Lauf nimmt, werden im Publikum die Ereignisse diskutiert. Ein Kind, das eine Stelle aus unersichtlichem Grund besonders lustig findet, lacht hell auf, was zu allgemeinem Gelächter im Zuschauerraum führt. Selbstverständlich müssen die Mobilfunkgeräte eingeschaltet bleiben. Irgendetwas Wichtiges gibt es immer, weshalb die Besucherinnen und Besucher erreichbar bleiben müssen. Wenn ein Handy klingelt, geht der Eigentümer aus dem Saal – weil die Musik zu laut ist, um zu verstehen, was der Anrufer sagt.
Dem Geschehen auf und vor der Bühne nimmt das nichts. Laufenberg hat Mozarts Singspiel von 1732 bewusst in die Gegenwart verlegt und spielt gekonnt mit Klischees und Übertreibungen. Antje Sternberg hat seine Vorstellungen perfekt auf die Kostüme projiziert. Die Solistinnen mit ihren knappen Bustiers und transparenten Seidenhosen kontrastieren die konservativen Verhüllungstheorien der orientalischen Welt, die sich in der Statisterie mit ihren Burkas wiederfinden und nur zwei Mal in dann allerdings mitreißenden Tanzeinlagen als Enthüllungsorgien „gegen das Establishment“ aufbegehren. Die Bühne von Matthias Schaller spiegelt das karstige, verkrustete, versteinerte Grau der Konvention, in dem die Farben der Neuzeit umso stärker aufleuchten. Michael Werner unterstreicht mit diffusem Licht und sparsamen Lichtwechseln die Langsamkeit des Umbruchs.
In diesem Umfeld können sich die Protagonisten frei entfalten. Wolf Matthias Friedrich interpretiert allein mit seiner Stimme in der Bandbreite zwischen Bariton und Bass die wechselvollen Stimmungen des Osmin. Dem Pedrillo verleiht John Heuzenroeder in einer Mischung aus australisch-britischem Humor und harlekinesker Feinsinnigkeit mit kleinen Gesten große Überzeugungskraft. Die perfekten Vorlagen für Konstanze liefert Marco Jentzsch als Belmonte mit scheinbar leicht gesungenem Tenor einer schwierigen Partie. Wunderbar ergänzen sich Susanne Elmark als Konstanze und Rebecca Nelsen als Blonde. Wo die Elmark der Konstanze tiefes Gefühl überzeugend einhaucht, verleiht Nelsen der Blonde an passenden Stellen eine Lebensfreude, die weit über die Möglichkeiten opernhafter Darstellung hinausreicht. Im schnellen Wechsel der Emotionen verfliegt die Zeit bis zum letzten Ton.
Kaum ist aber der verklungen, geschieht das für den einen oder anderen Europäer so Unglaubliche. Das Publikum reißt es wie ein Mann von den Stühlen, um mit frenetischem Beifall Künstlerinnen und Künstler zu bejubeln. Schon der Arienapplaus – nur allzu berechtigt – zeigt ein musikkundiges Publikum. Das Urteil zur Gesamtleistung aber fällt mit einer Begeisterung aus, die man so in deutschen Opernhäusern wohl nur selten erlebt. Genauso hoch, wie die Wellen schlagen, verklingt der Applaus wieder. Keiner der völlig verausgabten Darstellerinnen und Darsteller wird zu quälend häufigen Verbeugungen gezwungen. Statt nun eilends das Theater zu verlassen, um etwa als erster im Parkhaus zu sein, gehen viele der Zuschauerinnen und Zuschauer hinunter zur Bühne, um den Künstlern die Hände zu schütteln und ihnen persönlich zu gratulieren. Junghänel kommt kaum noch von der Bühne weg, weil immer wieder neue Gratulanten nach seiner Hand greifen. Am Seitenausgang warten die neu gewonnenen Fans, weil sie sich mit Darstellerinnen und Darstellern persönlich fotografieren lassen wollen. Es ist wohl kein großes Kunststück, die Prognose zu wagen, dass über diese Aufführung noch lange gesprochen werden wird, und zwar nicht allein ihrer historischen Bedeutung wegen.
Während des Abendessens, zu dem der Bürgermeister von Sulaimania, Zana Hama Salih, eingeladen hat, überwiegt noch ein wenig die Erschöpfung, bei der Premierenfeier Erleichterung und Freude, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Bei diesem Gastspiel gibt es nur einen Star, und der ist: das Team; auch wenn Susanne Elmark den Theaterhimmel ganz besonders leuchten ließ.
Michael S. Zerban
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Freitag, 4. März 2011:
Sternenklar
Die erste Kraftprobe ist mit Bravour und – aus Sicht der Künstlerinnen und Künstler glücklicherweise auch mit Pannen – überstanden. Die Generalprobe hat allen ihre Grenzen aufgezeigt; und manche darüber hinaus wachsen lassen. Das bevorstehende Ereignis der Premiere sorgt für ständig wachsendes Interesse in Deutschland. Susanne Reinhard leistet als Projektleiterin Übermenschliches, aber die Flut an Presseanfragen übersteigt selbst ihre Möglichkeiten. Improvisationstalent ist also mehr denn je gefragt, weil der Pressesprecher fehlt. Die Pressekonferenz vor Ort stößt auf Interesse, alle wichtigen Medien Kurdistans sind vertreten, obwohl sie noch einmal verschoben werden muss. Zwischen Bühnen- und Orchesterprobe und Generalprobe beantwortet Uwe Eric Laufenberg als Regisseur geduldig alle anstehenden Fragen, obwohl sein Gesundheitszustand angeschlagen ist. In der Generalprobe hält er durch. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind besorgt, weil ihm das Fieber im Gesicht geschrieben steht. Das Fieber aber auch der bevorstehenden Premiere. Im gesamten Ensemble steigt die Anspannung. Es wird ernst.
Das ist das Atemberaubende an diesem Gastspiel. Obwohl zum ersten Mal eine Oper auf kurdischem Boden aufgeführt wird und damit eigentlich Durchschnitt ausreichend wäre, setzen alle Beteiligten ihr Äußerstes daran, einen Erfolg daraus werden zu lassen. Bis in den späten Abend arbeitet Konrad Junghänel, der musikalische Leiter, mit Musikern und Darstellern hochkonzentriert an den Korrekturen – ehe sich die Beteiligten auf ein Fässchen Kölsch im Backstage-Bereich treffen. Wieder ist es da, dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses „Das schweißt uns zusammen“. Eine verschworene Gemeinschaft hat sich aufgemacht, dem Irak die hohe Kunst der Oper zu präsentieren. Während des kurzen Zusammentreffens nach der Generalprobe leuchtet die Spannung wieder auf. Werden die Kurden dieses Angebot akzeptieren? Diese Mischung aus schöner Musik, Provokation und edler Sangeskunst? Bevor diese Frage abschließend geklärt werden kann, sind noch ein paar Stunden zu überstehen.
Vor der Premiere steht noch ein Workshop für die jungen Musiker Kurdistans an. Die Musiker des Gürzenich-Orchesters haben sich bereit erklärt, ehrenamtlich mit ihnen in einem Workshop am Umgang mit ihren Instrumenten zu arbeiten. Nicht um deutsche Überheblichkeit geht es, sondern um praktische Hilfestellung. Schon während der Generalprobe haben sich etliche Studenten eingefunden, um sich der Teilnahme an dem Workshop zu vergewissern. So schafft das deutsche Orchester auch im Umfeld Sympathien.
Letztlich darf auch die Erinnerung fürs Leben nicht fehlen. Für den kommenden Nachmittag ist das Gruppenfoto angesagt. Kurz bevor es heißt: „Vorhang auf!“ In dieser Nacht leuchten die Sterne klar und hell über Sulaimania. Ein gutes Zeichen.
Michael S. Zerban
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Donnerstag, 3. März 2011:
„Wie Nacht und Tag!“
Es war ein arbeitsreicher, intensiver und schöner Tag.“ Uwe Eric Laufenberg, Intendant der Kölner Oper und Regisseur des Singspiels, bringt auf den Punkt, was die Teilnehmer der Gastspielreise momentan erleben. Endlich sind die gröbsten organisatorischen Schwierigkeiten bewältigt. Es ist an der Zeit, die Gedanken auf Größeres zu richten. Sei es die Brillanz der Aufführung, sei es die Auseinandersetzung mit den kulturellen Gegebenheiten.
Am Morgen ist das Orchester nach seiner Reise durch die Bergwelt Kurdistans tatendurstig und bestens gelaunt angereist. Was zunächst beschwerlich anfängt, endet damit, dass die abschließende Busreise die Mitglieder zu frisch gebackenem Brot und kaltem Wasser, einem herrlichen Sonnenaufgang in den Bergen und einem fantastischen Ausblick auf einen Stausee führt. Binnen sensationeller sieben Minuten sind sie im Hotel eingecheckt und können sich noch kurzfristig erholen, ehe die erste Probe am Nachmittag ruft.
Voran steht die erste Probe der Darsteller auf der großen Bühne. Eingeleuchtet wird parallel, um die verlorene Zeit einzuholen. Konrad Junghänel, der musikalische Leiter, ist begeistert von der musikalischen Leistung. „Wie Nacht und Tag“, beschreibt er das Fazit des Bühnentages. Die Unsicherheiten auf der kleinen Bühne sind wie weggeblasen, die Solisten hoch engagiert und endlich haben auch die Statisten Gelegenheit, sich zu entfalten.
Fast pünktlich wird das Orchester in den Graben abgesenkt. Das Gürzenich-Orchester Köln ist mit zahlreichen Zusatzkräften ausgestattet, weil die Teilnahme an der Reise freiwillig war und sich einige doch eher für beispielsweise ihre Fürsorgepflicht als Familienväter entschieden. Das bringt neben größerem Abstimmungsaufwand auch ein Höchstmaß an Motivation mit sich, und so ist Junghänel schon nach dem ersten Eindruck überzeugt, dass diese Musiker die Premiere „befeuern“ werden.
Auch „in der Truppe“ ist die Stimmung gut. Klaus Raddatz, liebevoll „die Mutter“ genannt, und Doris Königstein aus der Maske berichten von abgeschlossenen Vorbereitungen und einem Ausflug in die Stadt, bei der sie erstmals Gelegenheit haben, sich einen Eindruck von Land und Leuten zu verschaffen. Im Vordergrund steht hier eindeutig die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Kurden. Obwohl von Sicherheitskräften begleitet und ständig mit Waffen konfrontiert, steht für die beiden genauso wie für Rebecca, eigentlich Edeltraut Noeske-Kohlmeyer und zuständig für die Kostüme, der Eindruck im Vordergrund: „Hier ist ein Land im Aufbruch. Die Bilder im deutschen Fernsehen sind verdrängt. Was wir mitnehmen, ist der Eindruck, dass es aufwärts geht. Und wir wünschen es den Kurden von Herzen.“ Alaattin Harmanci vom Kostüm geht in seiner Begeisterung sogar noch einen Schritt weiter. „Wer – auch als Deutscher – einen Neuanfang sucht, kommt nach Kurdistan. Hier wird in den kommenden Jahren so viel passieren, dass jeder seine Chance bekommt.“
Am Abend nach einem anstrengenden, eindrucksvollen, aber ermüdenden Tag nehmen viele Teilnehmer der Gastspielreise ihr Abendbrot noch gemeinsam ein. Einfach nur plaudern, die Gemeinsamkeit genießen und bei einem Glas Wein abschalten, lautet die Devise. Das Tagesprogramm für den kommenden Tag klingt auch für den Laien imposant. Da muss man zwischendurch „mal runterkommen“.
Internationale Pressekonferenz, Bühnen- und Orchesterprobe und am Nachmittag noch die Generalprobe stehen auf dem Programm. Manch einem ist die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Gespannt sind alle schon jetzt darauf, wie das kurdische Publikum mit der ersten deutschen Oper auf ihrem Boden umgehen wird…
Michael S. Zerban
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Mittwoch, 2. März 2011:
Wechselvolles Gefühlsbad
Um halb fünf am Morgen ist endlich der lang erwartete Materialtransport aus Deutschland eingetroffen. Zwei Stunden später stellen die Bühnenarbeiter fest, dass Freude nur relativ ist. Der Requisitenkoffer steht auf dem Kopf, was zur Folge hat, dass eine Unmenge von Getränkedosen, die für die Aufführung benötigt werden, spontan ihren Inhalt über die übrigen Gegenstände ergossen haben. Die Styroporteile sind beschädigt, und die Kartons wurden vom Zoll aufgeschnitten. Erst allmählich beruhigen sich die Gemüter wieder. Immerhin sind die Instrumente und Kostüme unbeschädigt angekommen, der Rest lässt sich reparieren.
Projektleiterin Susanne Reinhard ist voll und ganz mit der Ausstattung des Backstage-Bereichs beschäftigt, als sie ein Anruf aus Köln erreicht: Eine Geigerin ist ausgefallen. Die naive Frage: Wird sie überhaupt benötigt? Der musikalische Leiter, Konrad Junghänel, lässt keine Diskussion zu. In Sulaimania wird aus dem Notwendigsten das Beste gemacht. Die Geigerin muss her. In Köln laufen die Räder heiß.
In den einzelnen Arbeitsbereichen wird konzentriert gearbeitet. Der Umstand, dass jeder Teilerfolg gleich ein neues Problem verursacht, wird hier gelassen zur Kenntnis genommen. Wo ein Problem existiert, ist die Lösung nicht fern. Auf der Bühne kann jetzt richtig losgelegt werden. Produktionsleiterin Petra Mühle bessert zügig Stellen an der Traverse mit dem Pinsel aus, die später unangenehm reflektieren könnten. Von der zeitlichen Verzögerung lassen sich die Darsteller nicht irritieren. Die erste Probe läuft am Nachmittag auf einer kleinen Bühne. Hochkonzentriert, experimentierfreudig und mit einer Hand voll Requisiten geht es zur Sache. Regisseur Uwe Eric Laufenberg resümiert mit einem Augenzwinkern: „Die Damen, die eingesprungen sind und vom Video gelernt haben, waren perfekt studiert; die Herren, die schon des Öfteren die Aufführung absolviert haben, konnten sich eher schlecht orientieren.“ Immerhin gilt es einen historischen Moment zu würdigen: „Mozarts Oper wurde heute zum ersten Mal vollständig auf irakischem Boden gesungen“, sagt Laufenberg. Ihm ist die Freude anzumerken. Junghänel schließt sich der Begeisterung an. Trotz eines Klaviers, das nicht annähernd europäischen Standards entspricht, sind die Stimmen präsent und abrufbar. Die Spielfreude ist bei aller Improvisation ungebrochen.
Reinhard und Betriebsdirektor Tobias Werner hasten derweil durch die Basare der Stadt. Tische, Stühle, Kleiderständer und Spiegel sind zu besorgen. Mindestens zehn verschiedene Läden sind zu durchforsten, ehe die Gegenstände organisiert werden können. In einer kleinen Glaserei werden die Spiegel eigens zugeschnitten. Fast wäre es an den Spots für die Maske gescheitert. Aber Beleuchtungsmeister Michael Werner, der für seine unerschöpflichen Vorräte berühmt ist, weiß Rat und fördert die benötigten Leuchtmittel zu Tage.
Enthusiasmus macht sich breit. Hier leistet jeder ein Stückchen mehr, als von ihm erwartet wird. Die unausgesprochene Botschaft lautet: „Wir wollen die Aufführung, und wir kriegen sie.“
Unterdessen werden die Termine der Aufführung in Frage gestellt. Schlagartig wird die Anzahl der Aufführungen auf eine Premiere reduziert. Beim Gastgeber gibt es interne Probleme. Viel Diplomatie und Geduld führen dazu, dass nun doch noch zwei Spieltermine eingerichtet werden können.
Endlich wird auch das Orchester eintreffen. In der kommenden Nacht. Werner macht sich mit Helfern und Bussen auf den Weg nach Erbil, um die Musiker in Empfang zu nehmen. In den frühen Morgenstunden werden sie dann in Sulaimania eintreffen. Laufenberg braucht für Morgen die erste Probe auf der großen Bühne. Die Bühnenarbeiter geben – endlich – Grund zu Optimismus. In den späten Abendstunden werden sie fertig sein. Junghänel hat die erste Orchesterprobe bereits für den frühen Abend angesetzt. Die Vibrations werden spürbar – und der unverbrüchliche Wille aller, in Sulaimania ein starkes Stück deutscher Oper abzuliefern.
Michael S. Zerban
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Dienstag, 1. März 2011:
Entspannte Professionalität
In der Nacht von Montag auf Dienstag ist die erste Gruppe der Kölner Oper im Irak angekommen. Trotz eines umfangreichen Sicherheitschecks beim Abflug werden Koffer und Taschen bei der Einreise erneut untersucht. Die Personaldokumente werden akribisch geprüft, bei manch einem wird gar die Lupe zur Hand genommen, um sich der Echtheit zu vergewissern. Die Kölner lassen die Kontrollen lethargisch übermüdet bis nervös über sich ergehen, ehe sie in die bereitstehenden Busse einsteigen, um zum Hotel gebracht zu werden. Eine Vorhut sichert die beiden Busse auf dem kurzen Weg vom Flughafen über die dreispurige Autobahn zum Hotel, das nur einen Steinwurf entfernt von der Spielstätte Telary Honer liegt. Der Empfang ist freundlich und die Aufnahmeprozedur im Hotel wird gnädig abgekürzt, so dass die Teilnehmer der Delegation bei Sonnenaufgang in ihren Betten liegen. Der erste Eindruck wird beherrscht von der Freundlichkeit der Kurden und ihrer beachtlichen Improvisationsfähigkeit. Vieles fehlt in dem neu eröffneten Hotel, wird aber umgehend behoben oder beigebracht.
Dienstagmittag. Erste Begehung der Spielstätte, die durch ihren großen Entwurf beeindruckt. Auf der Bühne noch die Plakate und Teppiche vielleicht einer Parteiveranstaltung. Die Bühnentechniker unter Leitung von Volker Rhein verschwinden sofort in ihre Arbeitsbereiche. Es gibt viel zu tun. Der rote Teppich muss von der Bühne entfernt, der Graben auf seine Funktionstüchtigkeit und Größe inspiziert werden, die Beleuchter machen sich mit den technischen Einrichtungen ebenso vertraut wie die Bühnenarbeiter. Bald herrscht emsiges Treiben in dem großzügigen Theater mit seinen roten Sitzen und dem apricotfarbenen Teppichboden. Projektleiterin Susanne Reinhard begutachtet derweil in Begleitung von Masken- und Kostümbildnern die Räumlichkeiten hinter der Bühne. Die vernünftige Aufteilung steht an. Geschlechtertrennung, besondere Anforderungen der Solisten, Platzbedarf für Kostüme und das richtige Licht für die Maske müssen berücksichtigt werden. Bislang herrscht in den Räumen eher Bürocharakter. Große Schreibtische, Büromöbel und ein kühles Umfeld beherrschen das Ambiente. Das hat weniger mit Theaterluft als mit Verwaltungstrakt zu tun. Natürlich hatte das in der Vorplanung alles anders ausgesehen, aber sich jetzt darüber Gedanken zu machen, kostet nur unnötige Zeit. Schließlich ist eine vorläufige Lösung gefunden, die alle im Team zufrieden stellt. Reinhard veranlasst die Umsetzung.
Am Nachmittag ist Zeit für Mittagessen und Einkäufe. Den Beteiligten dämmert unterdessen, dass es sich hier vielleicht doch nicht um eine ganz alltägliche Inszenierung handelt. War die Sicherheitsdebatte bereits im Vorfeld in Köln hochgekocht, hatte sich hier für einige Stunden Ruhe und Entspannung eingestellt. Die Gastgeber tun alles, um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten. Im Entrée des Hotels sitzen permanent mindestens vier Sicherheitsleute, einer in militärischer Uniform. Kaum verlässt jemand das Hotel, folgt ihm sofort und mit etwas Abstand ein Beschützer. Das ist genauso ungewöhnlich wie die immer wieder vorbeifahrenden Geländewagen mit drei Mann Besatzung, die samt und sonders mit Maschinenpistolen bewaffnet sind. Im Stadtzentrum gibt es an diesem Tag Demonstrationen, die von Soldaten beaufsichtigt werden. Davon berichtet Regisseur Uwe Eric Laufenberg während der Vollversammlung, die am späten Nachmittag einberufen wird. Dass auch der irakische Bühnenleiter eine Pistole im Hosenbund trägt, führt nicht zu gesteigerter Beruhigung. Dementsprechend wird das eigene Schutzverhalten auch im Plenum besprochen.
Inzwischen sind die benötigten Räume geleert. Der Materialtransporter, der aus Köln erwartet wird, ist noch hundertsiebzig Kilometer von Sulaimania entfernt, was in dieser Gegend eine Entfernung von rund drei Stunden bedeutet. Damit ist jetzt schon klar: Es wird eng hinten raus. Nach dem Plenum läuft die Arbeit bis in die Abendstunden weiter. Für Mittwoch wird das Orchester erwartet; dann stehen szenische Proben und das Einleuchten an – wenn die technische Einrichtung steht.
Michael S. Zerban
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