Bayreuth 2024 — Arnarssons umstrittener Tristan
Bayreuth 2024 — Arnarssons umstrittener Tristan
Die Bayreuther Festspiele 2024 hatten mit der Neuproduktion von Tristan und Isolde ihren mit Spannung erwarteten Hoehepunkt. Der islaendische Regisseur Thorleifur Oern Arnarsson, bekannt fuer seine bildmaechtige, assoziative Theatersprache, legte eine Deutung vor, die das Publikum und die Kritik gleichermassen spaltete. Am Pult stand Semyon Bychkov, in den Titelpartien Andreas Schager und Camilla Nylund.
Ein Regiekonzept zwischen Mythos und Installation
Arnarsson, der zuvor am Hamburger Thalia Theater und an der Berliner Volksbuehne fuer Aufsehen gesorgt hatte, naeherte sich Wagners Liebestod-Drama nicht als psychologischem Kammerspiel, sondern als rituellem Vorgang. Seine Buehne — gestaltet von Vytautas Narbutas — arbeitete mit monumentalen Installationen, Naturmaterialien und einer Bildsprache, die zwischen archaischer Beschwoeruung und zeitgenoessischer Kunstinstallation changierte.
Die Reaktionen fielen erwartbar kontrovers aus. Waehrend ein Teil der Kritik die visuelle Wucht und den Mut zur Abstraktion lobte, bemaegelten andere eine Ueberfrachtung der Buehne, die Wagners Musik zu wenig Raum lasse. Besonders der dritte Aufzug, in dem die Bilderfuelle die Agonie des sterbenden Tristan regelrecht zu ersticken drohte, wurde kontrovers diskutiert. Die Frage, ob Regietheater die Musik unterstuetzen oder ihr entgegenarbeiten darf, stellte sich hier einmal mehr mit Nachdruck.
Musikalische Exzellenz auf der Buehne
Weniger umstritten war die musikalische Seite des Abends. Andreas Schager, inzwischen einer der gefragtesten Heldentenoere seiner Generation, sang einen Tristan von grosser stimmlicher Kraft und erstaunlicher Durchhaltevermoegen. Seine Fieberphantasien im dritten Aufzug gerieten zu einem Hoehepunkt des Abends — hier verschmolzen vokale Intensitaet und darstellerische Hingabe zu einem Moment von genuiner Buehnenwahrheit.
Camilla Nylund gab ihr Bayreuth-Debuet als Isolde und ueberzeugte mit einer Darstellung, die lyrische Innerlichkeit und dramatische Durchschlagskraft in seltener Balance vereinte. Ihr Liebestod war von einer Konzentration und Leuchtkraft, die dem Abend einen wuerdigen Abschluss gab. Die weiteren Partien waren solide besetzt, wobei Christa Mayer als Brangaene mit warmem, sicher gefuehrtem Mezzo hervorzuheben ist.
Bychkov am Pult — Wagners Klangstrom
Semyon Bychkov dirigierte das Festspielorchester mit grosser Sorgfalt und einem Klangsinn, der die unendliche Melodie des Tristan als fortwaeehrenden Strom gestaltete. Sein Zugang war eher auf Transparenz als auf Rausch angelegt — eine Entscheidung, die den Saengern zugutekam und die polyphonen Schichten des Orchestersatzes hoerbar machte. Im Vorspiel und im Liebestod fand er jene Mischung aus Zurueckhaltung und Intensitaet, die den besonderen Reiz des Bayreuther Orchestergrabens ausmacht.
Die Neuproduktion reiht sich ein in Bayreuths anhaltendes Bemuehen um kuenstlerische Erneuerung. Nach den kontroversen Inszenierungen des Ring durch Valentin Schwarz und des Parsifal durch Jay Scheib zeigt der Huegel, dass er weiterhin auf provokante Regiehandschriften setzt. Ob Arnarssons Tristan ueber die Jahre an Ueberzeugungskraft gewinnen wird — wie es bei manchem Bayreuther Tristan der Fall war —, bleibt abzuwarten. Die musikalische Qualitaet des Abends steht jedenfalls ausser Frage.