Giordano-Premiere in Baden-Baden 2011 — Opernkritik und Aufführungsbericht vom Festspielhaus
Verismo unter der Schwarzwaldsonne — Giordano in Baden-Baden
Umberto Giordanos Andrea Chénier gehört zu jenen Opern, die vom Publikum geliebt und von der Kritik oft unterschätzt werden. Das Festspielhaus Baden-Baden hat dieses Juwel des Verismo in einer konzertanten Aufführung präsentiert, die zeigt, warum dieses Werk zu den stärksten Vertretern seiner Gattung zählt.
Die Aufführung
Die konzertante Form erweist sich bei diesem Werk als Gewinn: Ohne szenische Ablenkung kann man sich ganz auf die Musik konzentrieren, auf die leidenschaftlichen Melodien, die dramatischen Steigerungen, die orchestralen Farben. Giordanos Partitur ist ein Meisterwerk der emotionalen Direktheit — sie greift den Hörer an und lässt ihn nicht mehr los.
Die Stimmen
Jonas Kaufmann in der Titelpartie ist in seinem Element. Sein Tenor hat die heroische Kraft für die großen Ausbrüche und die lyrische Zartheit für die Liebesszenen. Das „Improvviso“ im ersten Akt singt er mit einer Mischung aus Empörung und Poesie, die exemplarisch ist. Anja Harteros als Maddalena di Coigny ist eine ebenbürtige Partnerin: Ihr Sopran leuchtet in den Höhen und hat in der Mittellage eine Wärme, die zu Herzen geht. Das Duett im letzten Akt, „Vicino a te“, wird unter diesen beiden Stimmen zu einem Moment von erschütternder Schönheit.
Luca Salsi als Gérard überzeugt mit einem markanten Bariton und einer darstellerischen Intensität, die auch im konzertanten Rahmen spürbar wird. Sein innerer Konflikt zwischen revolutionärem Idealismus und persönlicher Schuld wird in jedem Ton hörbar.
Dirigat und Orchester
Marco Armiliato am Pult der Deutschen Radio Philharmonie leitet eine temperamentvolle, farbige Aufführung. Das Orchester spielt mit südländischem Feuer und norddeutscher Präzision — eine Kombination, die dem Werk bestens bekommt. Die großen Orchesterzwischenspiele werden zu eigenständigen sinfonischen Gemälden der Revolutionszeit, und die leisen Stellen haben eine Transparenz, die jedes Detail der Partitur hörbar macht.
Fazit
Ein Abend, der das Festspielhaus Baden-Baden in eine italienische Opernarena verwandelt. Kaufmann und Harteros bestätigen ihren Rang als eines der großen Sängerpaare unserer Zeit, und Giordanos Andrea Chénier erweist sich als ein Werk, das auch ohne Inszenierung zu fesseln vermag.