Der Graf von Gleichen am Staatstheater Mainz — Opernkritik zur Schubert-Rarität 2012

Spielstaette Staatstheater Mainz
von Albert Blaustein
Der Graf von Gleichen am Staatstheater Mainz — Schubert

Romantik und Rivalität — Der Graf von Gleichen in Mainz

Die Wiederentdeckung vergessener Opern gehört zu den dankbarsten Aufgaben eines Stadttheaters. Das Staatstheater Mainz hat sich mit der Neuinszenierung von Schuberts Fragment gebliebener Oper Der Graf von Gleichen in einer Bearbeitung von Peter Tilling dieser Aufgabe angenommen — und damit einen Abend geschaffen, der sowohl musikhistorisch als auch szenisch überzeugt.

Die Inszenierung

Regisseur Tilman Knabe verlegt die Geschichte des Kreuzritters, der sich zwischen seiner deutschen Ehefrau und einer orientalischen Geliebten entscheiden muss, in eine zeitlose Gegenwart. Der Konflikt zwischen Treue und Verlangen, zwischen Heimat und Fremde wird dabei nicht als exotisches Abenteuer inszeniert, sondern als zutiefst menschliches Dilemma. Knabe arbeitet klug mit Doppelungen und Spiegelungen: Die beiden Frauen begegnen sich in choreografierten Szenen, die ihre innere Verwandtschaft ebenso zeigen wie ihre unüberwindbare Distanz.

Bühnenbild und Kostüme

Bühnenbildnerin Andrea Hölzl hat einen zweigeteilten Raum entworfen, der die Zerrissenheit des Grafen widerspiegelt. Links eine karge, nordeuropäische Wohnstube, rechts ein von Licht durchfluteter orientalischer Garten — beide durch einen durchsichtigen Vorhang getrennt, der je nach Beleuchtung durchlässig oder undurchdringlich wirkt. Die Kostüme von Katharina Schlipf vermeiden jede folkloristische Überzeichnung und setzen stattdessen auf klare Farbcodes: kühles Blau für die Heimat, warmes Gold für den Orient.

Die Stimmen

Sebastian Geyer gibt dem Grafen mit seinem warmen Bariton eine glaubwürdige Zerrissenheit. In den lyrischen Passagen überzeugt er durch feines Legato und geschmeidige Phrasierung. Nadja Stefanoff als orientalische Geliebte Suleika verfügt über einen leuchtenden Sopran, der in den Höhen mühelos strahlt. Besonders gelungen ist das Terzett im zweiten Akt, in dem alle drei Protagonisten ihre widerstreitenden Gefühle in einem dichten kontrapunktischen Gewebe zum Ausdruck bringen. Heidi Melton als Gräfin Ottilie stattet ihre Partie mit dramatischer Wucht und innerer Würde aus.

Dirigat und Orchester

Hermann Bäumer am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz lässt Schuberts Musik in allen Farben leuchten. Die lyrischen Passagen atmen, die dramatischen Steigerungen haben Kraft, ohne je zu übersteuern. Man hört die Verwandtschaft mit den großen Schubert-Liedern, die singende Melodie, die plötzlichen harmonischen Wendungen ins Moll. Das Orchester folgt Bäumer mit hörbarer Spielfreude.

Fazit

Das Staatstheater Mainz hat mit dieser Produktion einen echten Glücksgriff getan. Der Graf von Gleichen erweist sich als ein Stück, das nicht nur musikhistorisch interessant ist, sondern auch auf der Bühne funktioniert. Ein Abend, der Lust auf weitere Raritäten macht.

Gattung: Oper
Komponist: Franz Schubert