Chowanschtschina an der Staatsoper Stuttgart — Mussorgskys Oper in der Rezension 2014
Russisches Panorama — Chowanschtschina an der Staatsoper Stuttgart
Modest Mussorgskys Chowanschtschina ist ein Koloss des russischen Musiktheaters: episch in seinen Ausmaßen, komplex in seiner Dramaturgie und von einer musikalischen Wucht, die ihresgleichen sucht. Die Staatsoper Stuttgart hat sich dieses monumentale Werk vorgenommen und eine Produktion erarbeitet, die den langen Atem hat, den dieses Stück verlangt.
Die Inszenierung
Regisseur Peter Konwitschny liest die Chowanschtschina als Parabel über den ewigen russischen Konflikt zwischen Reform und Reaktion, zwischen Westen und Osten, zwischen Moderne und Tradition. Die Strelizen des Fürsten Chowansky werden zu Nationalisten, die Altgläubigen zu religiösen Fundamentalisten, und der junge Zar Peter — der in der Oper nur als ferne Bedrohung präsent ist — wird zur unsichtbaren Kraft der Modernisierung. Konwitschny inszeniert mit seiner gewohnten Mischung aus politischer Schärfe und theatralischem Instinkt.
Bühnenbild und Kostüme
Johannes Leiacker hat eine Bühne entworfen, die zwischen russischem Salon und öder Weite wechselt. Ein gewaltiger Tisch dominiert das Zentrum — er ist Versammlungsort, Schlachtfeld und Richtstätte zugleich. Die Kostüme von Michaela Barth spannen den Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart, ohne dass die Zeitsprünge willkürlich wirken.
Die Stimmen
Ante Jerkunica als Dosifei beeindruckt mit einem noblen, tiefgründigen Bass, der die Autorität und den Fanatismus des Altgläubigen-Führers gleichermaßen zum Ausdruck bringt. Mark Delavan als Iwan Chowansky gibt den brachialen Machtmenschen mit einem kernigen Bassbariton, der in den Fluchszenen an Drastik kaum zu überbieten ist. Shigeo Ishino als Golizyn setzt seinen lyrischen Tenor klug ein, um den westlich orientierten Reformer als nachdenklichen, zerrissenen Charakter zu zeichnen.
Besonders hervorzuheben ist Helene Schneiderman als Marfa. Ihr dunkler Mezzo verleiht der Wahrsagerin eine mystische Ausstrahlung, die in der großen Wahrsageszene des zweiten Akts einen Moment von suggestiver Schönheit schafft.
Dirigat und Orchester
Lothar Zagrosek am Pult des Staatsorchesters Stuttgart leitet eine Aufführung von orchestraler Pracht und dramatischer Intensität. Das Vorspiel „Morgenröte über der Moskwa“ gerät unter seinen Händen zu einem Naturgemälde von betörender Schönheit. Die Massenszenen haben die nötige Wucht, die intimen Passagen die nötige Zartheit. Der Staatsopernchor unter der Leitung von Michael Alber ist in hervorragender Form.
Fazit
Stuttgart zeigt eine Chowanschtschina, die der Komplexität dieses Werks gerecht wird. Konwitschnys Inszenierung ist intellektuell anspruchsvoll, musikalisch packend und szenisch eindrucksvoll. Ein Abend, der Kraft und Konzentration verlangt — und reichlich belohnt.