Artaud an der Oper Köln — Opernkritik zur zeitgenössischen Inszenierung 2014

Spielstaette Oper Köln
von Albert Blaustein
Artaud an der Oper Köln — zeitgenössische Oper

Verstörender Ausnahmezustand — Artaud an der Oper Köln

Die Oper Köln, die seit der Schließung ihres Stammhauses an wechselnden Spielstätten gastiert, hat mit einer Neuproduktion nach Motiven von Antonin Artaud einmal mehr bewiesen, dass widrige Umstände auch kreative Impulse freisetzen können. Regisseur Benjamin Lazar hat ein Musiktheaterstück entwickelt, das die Grenzen der Gattung auslotet — und gelegentlich überschreitet.

Die Inszenierung

Artauds „Theater der Grausamkeit“ als Vorlage für eine Opernproduktion — das klingt nach einem Widerspruch in sich. Lazar löst ihn, indem er nicht versucht, Artauds Theorie auf die Opernbühne zu übertragen, sondern sie als Ausgangspunkt für eine eigene ästhetische Erfahrung nutzt. Die Zuschauer werden in einen dunklen Raum geführt, in dem Klänge und Bilder von allen Seiten auf sie einströmen. Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum wird aufgelöst, die konventionelle Guckkastensituation aufgebrochen.

Die Stimmen

Das Ensemble der Oper Köln stellt sich mutig den ungewöhnlichen Anforderungen. Tenor Martin Koch bewältigt die zwischen Gesang und Sprechgesang changierenden Passagen mit einer Intensität, die physisch spürbar wird. Mezzosopranistin Adriana Bastidas-Gamboa verleiht ihrer Partie eine dunkle, beschwörende Kraft, die an schamanische Rituale erinnert. Die chorischen Passagen, einstudiert von Andrew Ollivant, entfalten eine hypnotische Wirkung.

Dirigat und Orchester

François-Xavier Roth am Pult des Gürzenich-Orchesters meistert die komplexe Partitur mit gewohnter Souveränität. Das Orchester wird hier nicht als Begleitinstrument eingesetzt, sondern als eigenständiger dramatischer Akteur. Roth formt Klangflächen von bedrängender Intensität und lässt in den stillen Passagen eine Spannung entstehen, die den Atem stocken lässt.

Fazit

Ein Abend, der nicht jedem gefallen wird — aber einer, der niemanden unberührt lässt. Die Oper Köln zeigt Mut zum Experiment und beweist, dass Musiktheater auch jenseits der ausgetretenen Pfade lebendig und relevant sein kann.

Gattung: Oper
Komponist: diverse