Der Zauberberg des Aubris am Teatr Wielki Poznan — Opernkritik und Festivalbericht 2015
Anstrengender Aufstieg zum Zauberberg
Als musikalischer Höhepunkt des 25. Malta-Festivals wird dieses Meisterwerk von einem kreativen Quartett im polnischen Poznań auf die Bühne gebracht. Wie auch die literarische Vorlage wird diese Produktion vor allem durch ihre Länge — fast drei volle Stunden — in Erinnerung bleiben. Gefühlt sind es fünf Stunden. Dennoch ein interessanter Ansatz.
Die Inszenierung
Vier in Polen sehr bekannte Künstler zeichnen für Konzept und Umsetzung verantwortlich: Paweł Mykietyn für das Musikkonzept des Librettos, Małgorzata Sikorska-Miszczuk für das Libretto, Andrzej Chyra für die Regie und Mirosław Bałka für die Bühne. Obwohl es das Malta-Festival schon seit 25 Jahren gibt, ist es wenig über die polnischen Grenzen hinaus bekannt, besonders was Oper und klassische Musik betrifft. Mit dem Auftrag des Zauberberg geht das Malta-Festival neue Wege. Als Koproduktion mit der Baltischen Oper in Danzig, der Stadt Krakau und dem Zweiten Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind weitere Aufführungen und Aufzeichnungen gesichert.
Das Bühnenbild zeigt ein zweistöckiges Gebäude und dementsprechend die Möglichkeit, gleich auf mehreren Ebenen — Storyboard-ähnlich — die Gefühlsausbrüche der Protagonisten zu zeigen. Im zweiten Akt ist genau dieses Bühnenbild auf die Horizontale gelegt, was den Eindruck eines Labyrinths ergibt — passend zum ausweglosen Schicksal der Sanatoriumspatienten.
Durch die modernen, zeitlosen Kostüme von Maciejewska hat das Regiekonzept einen zusätzlichen Weg des Ausdrucks. Hans Castorp in elegant-sportivem Dress, die Amerikanerin mit ihren roten High Heels etwas extravaganter, Dr. Behrens mit einer immer paraten Spritze im legeren Ärztekittel. Regisseur Chyra, selbst Schauspieler, wählt den gemächlichen, eher statischen Weg des Ausdrucks.
Musik und Klang
Es handelt sich hier um eine komplett elektronische Musikeinspielung. Dennoch gibt der Dirigent Adam Banaszak — seitlich platziert — die Einsätze für die Sänger, die über Verstärkung live singen. Als melodische, minimalistische Tonalität kann man den bleibenden Eindruck klassifizieren. Sowohl der erste wie auch der zweite Akt beginnen mit sekundenlangen Pausen zwischen den Akkorden. Kakophonisches Chaos — vielleicht als Zerfall der Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg — bekundet das Finale. Als Verantwortliche für das Tondesign leistet Ewa Guziołek-Tubylewicz Erstaunliches — perfekter quadrophonischer Surroundsound.
Die Stimmen
Das kreative Team hat einen Charakter neu hinzugedichtet: Die Tote aus Zimmer 34, eine Amerikanerin, wird nicht nur in einem Sarg auf dem Bobschlitten den Berg hinunterbefördert, ihr sehr lebendiger Geist bleibt und verführt Hans Castorp. Insgesamt ist die Besetzung, sowohl stimmlich wie darstellerisch, durchweg von hohem Niveau. Hervorzuheben sind Szymon Komasa für seinen fragilen Hans, Agata Zubel als handfeste Amerikanerin, die nymphomanische Claudia von Barbara Kinga Majewska, Łukasz Konieczny in der undankbaren Rolle des Dr. Behrens und der exaltierte Peeperkorn von Marcin Habela.
Fazit
Durchaus konzentriert begleitet das Poznańer Publikum die Uraufführung und huldigt den Darstellern und dem Produktionsteam gar mit einer stehenden Ovation. Ob allerdings dieses Werk weltweit seinen Weg ins dauerhafte Repertoire finden wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die ambitionierte Produktion zeigt eindrucksvoll, dass Polen in der zeitgenössischen Opernlandschaft ernst zu nehmen ist, auch wenn der Zauberberg in seiner jetzigen Form noch Straffungen vertragen könnte.