Müller am Opernhaus Chemnitz — Opernkritik und Inszenierungsbericht 2010
Kühle Brillanz — Müller am Opernhaus Chemnitz
Das Opernhaus Chemnitz hat mit einer Neuproduktion von Heiner Müllers Musiktheaterarbeit Die Hamletmaschine in der Vertonung von Wolfgang Rihm bewiesen, dass die sächsische Kulturstadt auch im zeitgenössischen Musiktheater ambitionierte Akzente zu setzen vermag. Ein Abend, der fordert — und belohnt.
Die Inszenierung
Regisseur Michael von zur Mühlen nimmt den fragmentarischen Charakter von Müllers Text ernst und inszeniert keine lineare Handlung, sondern eine Abfolge von Bildern, Zuständen und Eruptionen. Die Bühne ist ein weißer Kubus, der im Laufe des Abends zunehmend verschmutzt und beschädigt wird — eine Metapher für den Verfall der Utopien, der in Müllers Text allgegenwärtig ist. Von zur Mühlen gelingt es, die Kälte des Textes mit einer szenischen Energie aufzuladen, die den Zuschauer nicht loslässt.
Die Stimmen
Bariton Matthias Winter trägt die Last der Hamlet-Figur mit einer Intensität, die sowohl stimmlich als auch darstellerisch beeindruckt. Sein dunkler, fokussierter Bariton meistert die extremen Anforderungen der Rihm-Partitur souverän. Sopranistin Cornelia Zink als Ophelia/Elektra setzt mit ihrem schneidend-klaren Sopran einen Kontrapunkt, der in den hohen Lagen an Strahlkraft kaum zu übertreffen ist. Das Ensemble ergänzt sich zu einem homogenen Klangkörper, der die Komplexität der Partitur hörbar macht.
Dirigat und Orchester
Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo leitet die Robert-Schumann-Philharmonie durch die anspruchsvolle Partitur mit Übersicht und Engagement. Die Klangflächen werden plastisch ausgeformt, die rhythmischen Strukturen bleiben transparent, und die Balance zwischen Bühne und Graben stimmt. Das Orchester zeigt sich als flexibler, aufmerksamer Klangkörper, der den Sprung ins zeitgenössische Repertoire mit Bravour meistert.
Fazit
Chemnitz positioniert sich mit dieser Produktion als Haus, das mehr kann als das Standardrepertoire. Ein Abend, der polarisiert, aber niemanden kalt lässt — und der zeigt, dass Müllers Texte und Rihms Musik nichts von ihrer Brisanz verloren haben.