Götterdämmerung an der Oper Leipzig — Opernkritik und Aufführungsbericht zur Wagner-Inszenierung 2016
Vollendet das ewige Werk
Mit diesen Worten, voller Stolz und musikalisch untermalt mit dem Walhall-Motiv, verkuendet im Rheingold Wotan seiner Gemahlin Fricka die Vollendung des Baus der Burg Walhall. Dieselben Worte darf man ohne falsches Pathos für das Leipziger Ring-Projekt verwenden. Nach über fünfjaehriger Planungs- und Konzeptionsarbeit erlebt die Oper Leipzig mit der Premiere der Götterdämmerung die Vollendung des ersten Leipziger Ring des Nibelungen seit vierzig Jahren. Ein Mammutprojekt, eine organisatorische und logistische Meisterleistung, die sich am Schluss zu einem Ring ohne Brueche, zu einem großartigen Gesamtkunstwerk zusammenfuegt.
Die Inszenierung
Schon vor Beginn der Aufführung ist die Spannung in der ausverkauften Leipziger Oper koerperlich spürbar. Regisseurin Rosamund Gilmore bleibt bei ihrem Konzept, Wagners Musik zu visualisieren und eine Geschichte zu erzählen, die nachhaltig ist und zum Nachdenken anregt. Die mythischen Wesen, die wir aus den ersten drei Ring-Opern kennen, begegnen uns hier wie guten alten Bekannten.
Das Pferd Grane, in der Walkuere schon ein Schluesselbild, wird hier noch mehr personifiziert, auch dank der ausdrucksstarken Bühnenprägsenz von Ziv Frenkel. Das vielleicht bewegendste Bild im ganzen Ring ist die Szene, wo Grane den toten Siegfried auf seinem Rücken zu den Klängen des Trauermarsches zu Gibichs Halle trägt. Hier verschmilzt die Symbiose aus Musik und erzählten Bildern zu einer visuell erlebbaren symphonischen Dichtung.
Gilmores Kunstgriff, die Göttererscheinungen Wotan, Fricka, Freia, Froh und Donner als ängstlich beobachtende Gestalten auf die Bühne zu bringen, ist nicht nur ein interessanter Regiekniff, es ist auch die immerwährende Mahnung, dass alles endlich ist. Im Zentrum der Personenregie steht Hagen, Alberichs Sohn — ein Antiheld, gefühlskalt und von Hass beseelt.
Bühnenbild und Kostueme
Die Bühnenbilder von Carl Friedrich Oberle zeigen in der Götterdämmerung ein völlig neues Bild. Die Halle der Gibichungen wirkt wie eine große moderne Atelierwohnung. Fünf große Saeulen stehen im Zentrum — sie sind Pfeiler und Versteck oder Zutritt zur Halle. Eine große Fensterfront öffnet den Blick auf den Rhein, und diese Front ist dank des grandiosen Lichtdesigns von Michael Roeger mal Wasser, mal Erde, mal Feuer.
Die Kostueme von Nicola Reichert haben sich der Moderne angepasst. Die Gibichungen tragen eher stylische Glamourkleidung, während Bruennhilde und Siegfried in ihrer Arbeitskluft eher postkommunistischer Herkunft wirken. Hagens Mannen ähneln in ihren hellbraunen Uniformmänteln und Barretten eher britischen Soldaten der Nachkriegszeit.
Die Stimmen
Diese Premiere ist der Abend der großen Rollendebuts. Allen voran Christiane Libor als Bruennhilde und Thomas Mohr als Siegfried. Libor hat die strahlenden Hoehen, die eine Bruennhilde braucht, sie beherrscht die dramatischen Ausbrueche und kann aufgrund ihrer warmen Mittellage auch in den Duetten mit Siegfried viel Weiblichkeit in die Stimme legen. In der Schlussszene gibt sie eine grandios strahlende Bruennhilde ab.
Thomas Mohr meistert die Partie des Götterdämmerungs-Siegfried ohne Muehen. Sein Tenor hat große Stahlkraft in den Hoehen, ein angenehmes Timbre in der Mittellage, und seine Diktion ist lehrbuchhaft. Runi Brattaberg als Hagen ist auch stimmlich der grandiose Antiheld — sein schwarzer, droehnender und furchteinfllössender Bass ist idealtypisch für diese Rolle.
Kathrin Goering überzeugt als Waltraute. Ihre teils lyrische, teils dramatische Waltrautenerzählung ist ein Hoehepunkt des Abends und muss große Vorbilder wie Waltraut Meier nicht scheuen.
Dirigat und Orchester
Die herausragende Persönlichkeit dieses Abends ist ohne jeden Zweifel Ulf Schirmer am Pult des Gewandhausorchesters. Was er an Farben, an Intensität, an Wohlklang und Ausdruck aus diesem Orchester herausholt, ist mehr als beeindruckend. Die Sänger begleitet er hochsensibel, immer darauf bedacht, deren Gesang in den Vordergrund zu stellen.
Der grandiose musikalische Hoehepunkt ist das große Finale. Schirmer begleitet den sterbenden Siegfried im Piano, um sich beim Trauermarsch ins Forte hochzuschwingen. Dieser Trauermarsch ist voller Emotion und Spannung, ohne in ein übersteigertes Pathos zu verfallen. Zusammen mit dem Bild von Grane, das den toten Siegfried trägt, ist dieser Moment der Hoehepunkt des Abends.
Fazit
Das wagnerkundige Publikum dankt Schirmer und seinem Orchester mit großem Jubel und stehenden Ovationen. Leipzig hat nach vierzig Jahren wieder einen Ring des Nibelungen, der internationales Format besitzt und dessen Kunde auch ins nur 180 Kilometer entfernte Bayreuth dringen sollte.