Carmen am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen — Bizets Oper in der Opernkritik
Leidenschaft und Verhängnis am Musiktheater im Revier
Bizets Carmen gehört zu jenen Opern, die jedes Haus regelmäßig auf den Spielplan setzt — und die dennoch jedes Mal aufs Neue die Frage aufwerfen, wie man dieses Stück erzählen soll, ohne in Klischees zu versinken. Am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen hat man sich für einen Weg entschieden, der die Zeitlosigkeit des Stoffes betont und den Zuschauer direkt in die emotionale Wucht des Geschehens hineinzieht.
Die Inszenierung
Regisseurin Elisabeth Stöppler verlegt die Handlung in ein urbanes Niemandsland, das ebenso gut eine Fabrikvorstadt in Sevilla wie ein Industrierevier im Ruhrgebiet sein könnte. Die Zigarrenfabrik wird zur anonymen Arbeitsstätte, die Schmuggler zu Kleinkriminellen am Rande der Gesellschaft. Stöppler gelingt es, die Geschichte von Carmen und Don José als eine Geschichte über Freiheit und Obsession zu erzählen, ohne den sozialen Kontext zu vernachlässigen. Carmen ist hier keine exotische Verführerin, sondern eine Frau, die um jeden Preis selbstbestimmt leben will — und dafür den höchsten Preis zahlt.
Bühnenbild und Kostüme
Hermann Feuchter hat einen multifunktionalen Bühnenraum geschaffen, der mit wenigen Versatzstücken verschiedene Schauplätze andeutet. Betonwände, ein Maschendrahtzaun und eine Laderampe genügen, um die bedrückende Enge der Welt zu vermitteln, aus der Carmen auszubrechen versucht. Die Kostüme von Renée Listerdal bewegen sich zwischen Arbeitskleidung und festlicher Garderobe, wobei Carmen selbst stets durch einen roten Farbakzent hervorsticht.
Die Stimmen
In der Titelpartie begeistert Anja Schlosser mit einem satten, farbenreichen Mezzo, der sowohl die verführerischen Habanera-Töne als auch die düsteren Untertöne der Kartenschlacht-Szene mühelos meistert. Ihr Don José, gesungen von Gaston Rivero, ist kein Schwächling, sondern ein Mann, der an seiner eigenen Leidenschaft zugrunde geht. Rivero verfügt über einen kraftvollen Tenor mit metallischem Glanz, der in der Blumenarie zu lyrischer Innigkeit findet. Besonders gelungen ist das Zusammenspiel der beiden im dritten Akt, wo die Spannung zwischen Liebe und Gewalt fast körperlich spürbar wird.
Dong-Won Seo gibt einen stimmlich tadellosen Escamillo, dessen Auftritt im zweiten Akt das Publikum zu spontanem Szenenapplaus hinreißt. Anke Sieloff als Micaëla berührt mit ihrem lyrischen Sopran und einer darstellerischen Verletzlichkeit, die dieser oft unterschätzten Partie neue Tiefe verleiht.
Dirigat und Orchester
Rasmus Baumann am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen liefert eine musikalisch packende Lesart, die den dramatischen Bogen vom beschwingten Vorspiel bis zum finalen Messerstich straff gespannt hält. Das Orchester spielt mit großer Präzision und klanglicher Wärme, die Holzbläser glänzen in den spanisch gefärbten Passagen, und die Streicher tragen die großen melodischen Bögen mit Hingabe. Besonders das Zwischenspiel zum dritten Akt gerät unter Baumanns Händen zu einem Moment stiller Schönheit inmitten des dramatischen Geschehens.
Fazit
Gelsenkirchen zeigt einmal mehr, dass an diesem traditionsreichen Haus — dem architektonischen Juwel mit den Yves-Klein-Reliefs — großes Musiktheater möglich ist. Diese Carmen ist kein folkloristisches Spektakel, sondern ein packendes Musikdrama, das unter die Haut geht. Das Premierenpublikum dankt mit langem, begeistertem Applaus.
Weiterlesen: Carmen im Opernfuehrer | Musiktheater im Revier im Portrait