Eugen Onegin an der Bayerischen Staatsoper München — Tschaikowskys Oper in der Rezension

Spielstaette Bayerische Staatsoper
von Albert Blaustein
Eugen Onegin an der Bayerischen Staatsoper München

Russische Seele im Nationaltheater — Eugen Onegin in München

Tschaikowskys Eugen Onegin ist eine Oper, die von der Innerlichkeit lebt. Die großen Gefühle — Liebe, Zurückweisung, Reue — werden nicht in heroischen Arien ausgestellt, sondern in kammermusikalischen Momenten offenbart. Die Bayerische Staatsoper hat unter der Regie von Krzysztof Warlikowski eine Neuinszenierung vorgelegt, die genau diese Intimität sucht — und dabei eine erschütternde Wirkung erzielt.

Die Inszenierung

Warlikowski verortet die Handlung in der russischen Provinz der 1970er-Jahre. Tatjanas Welt ist ein Universum aus Linoleum und Spitzendeckchen, aus dem sie sich durch Bücher und Tagträume zu befreien versucht. Der Brief an Onegin wird hier zum verzweifelten Ausbruchsversuch einer jungen Frau, die ahnt, dass ihr Leben sonst in Langeweile erstarren wird. Warlikowskis Stärke liegt in der Präzision seiner Personenregie: Jede Begegnung, jeder Blickwechsel ist genau choreografiert.

Die Stimmen

Anna Netrebko als Tatjana ist eine Offenbarung. Ihr Sopran, der in den letzten Jahren an dramatischer Kraft gewonnen hat, findet in der Briefszene zu einer Innigkeit zurück, die man bei ihr lange nicht mehr gehört hat. Die Entwicklung von der schüchternen Provinzschönheit zur reifen Fürstin gelingt ihr stimmlich wie darstellerisch makellos. Simon Keenlyside als Onegin setzt seinen kultivierten Bariton ein, um den arroganten Dandy als einen Mann zu zeichnen, der an seiner eigenen Gefühlskälte leidet.

Pavol Breslik als Lenski singt seine Arie vor dem Duell mit einer solchen Schönheit und Verzweiflung, dass man für einen Moment hofft, die Geschichte möge anders ausgehen. Nadia Krasteva als Olga und Elena Zhidkova als Filipjewna ergänzen das Ensemble wirkungsvoll.

Dirigat und Orchester

Kirill Petrenko am Pult des Bayerischen Staatsorchesters liefert eine Interpretation von atemberaubender Differenziertheit. Die Walzerszene hat den nötigen Schwung, die Briefszene wird zum Wechselbad der Empfindungen, und das Duell erreicht eine dramatische Zuspitzung, die physisch spürbar ist. Petrenkos Fähigkeit, die großen melodischen Bögen Tschaikowskys mit kammermusikalischer Detailarbeit zu verbinden, macht diesen Abend zu einem musikalischen Erlebnis erster Güte.

Fazit

München hat einen Eugen Onegin, der unter die Haut geht. Warlikowskis Inszenierung, Netrebkos Tatjana und Petrenkos Dirigat ergeben zusammen einen Abend, der zu den Sternstunden dieser Spielzeit zählt.

Gattung: Oper