Wagnersucht an der Hamburger Staatsoper — Opernkritik und Aufführungsbericht 2015

Spielstaette Hamburger Staatsoper
von Albert Blaustein
Wagnersucht an der Hamburger Staatsoper

Süchtig nach Wagner — Wagnersucht an der Hamburger Staatsoper

Die Hamburgische Staatsoper hat mit dem Abend „Wagnersucht“ ein ungewöhnliches Format gewagt: Kein abendfüllendes Werk, sondern eine szenische Collage aus Wagner-Fragmenten, verbunden durch Texte und Bilder, die der Faszination und dem Unbehagen nachspüren, die Wagners Musik bis heute auslöst. Ein mutiger Abend, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt — und genau darin seine Stärke findet.

Die Inszenierung

Regisseur Achim Freyer, Meister der visuellen Abstraktion, hat ein Bildtheater geschaffen, das Wagner nicht illustriert, sondern dekonstruiert. Szenen aus dem Ring, aus Tristan, aus Parsifal werden collagiert und mit Texten von Nietzsche, Thomas Mann und Elfriede Jelinek kontrapunktiert. Die Bühne ist ein schwarzer Raum, bevölkert von maskenartigen Figuren, die zwischen Mythos und Albtraum changieren. Freyer konfrontiert die Schönheit der Musik mit den Abgründen ihrer Wirkungsgeschichte — ohne dabei in moralische Belehrung zu verfallen.

Die Stimmen

Angela Denoke als Isolde und Kundry bringt die stimmliche und darstellerische Autorität mit, die diese Doppelrolle verlangt. Ihr dramatischer Sopran hat die nötige Durchschlagskraft und die Fähigkeit, in den leisen Momenten eine Intimität herzustellen, die unter die Haut geht. Falk Struckmann als Wotan und Amfortas verleiht seinen Partien die Gravität eines gebrochenen Herrschers. Der Bassbariton imponiert durch Wortdeutlichkeit und darstellerische Präsenz.

Dirigat und Orchester

Simone Young am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, Generalmusikdirektorin und bekennende Wagnerianerin, dirigiert die ausgewählten Passagen mit einer Leidenschaft und Klangkultur, die ihresgleichen sucht. Das Orchester spielt auf höchstem Niveau, und die Übergänge zwischen den einzelnen Fragmenten werden musikalisch so geschickt gelöst, dass ein eigenständiger Bogen entsteht.

Fazit

„Wagnersucht“ ist kein Abend für Puristen. Wer eine werkgetreue Aufführung erwartet, wird irritiert sein. Wer sich aber auf das Experiment einlässt, erlebt einen Abend, der Wagner aus einer ungewohnten Perspektive zeigt — und der die Frage, warum diese Musik so fasziniert und so verstört, auf eindrucksvolle Weise offenhält.

Gattung: Oper
Komponist: Richard Wagner