Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen — Wagners romantische Oper in der Opernkritik
Zwischen Tradition und Vision — Tannhäuser in Bayreuth
Die Bayreuther Festspiele sind und bleiben das Maß aller Dinge, wenn es um Wagner geht. Doch kaum eine Neuproduktion der vergangenen Jahre hat im Vorfeld so viel Diskussion ausgelöst wie dieser Tannhäuser. Regisseur Sebastian Baumgarten wagt eine Deutung, die den Gralshügel in Aufruhr versetzt — und die dennoch in ihrer intellektuellen Stringenz besticht.
Die Inszenierung
Baumgarten verortet die Handlung in einer Biogasanlage, die zugleich als Metapher für die Transformationsprozesse dient, die Tannhäuser durchläuft. Der Venusberg ist hier kein Ort der Sinnlichkeit, sondern ein Labor, in dem Identitäten aufgelöst und neu zusammengesetzt werden. Der Sängerkrieg auf der Wartburg wird zum Symposium einer sich selbst feiernden Kulturelite. Das Konzept ist schlüssig, wenn man sich darauf einlässt — doch genau das fällt einem Teil des traditionsbewussten Bayreuther Publikums schwer.
Bühnenbild und Kostüme
Joep van Lieshout hat ein begehbares Kunstwerk auf die Bühne gestellt: Rohre, Tanks, Metallkonstruktionen bilden ein industrielles Labyrinth, in dem sich die Figuren bewegen wie Versuchsobjekte in einem Experiment. Die Kostüme von Nina von Mechow changieren zwischen Laborkleidung und mittelalterlicher Gewandung, wobei die Übergänge fließend sind. Tannhäuser selbst trägt einen Overall, der im Laufe des Abends immer mehr Spuren seiner inneren Kämpfe zeigt.
Die Stimmen
Torsten Kerl in der Titelpartie verfügt über den nötigen Heldenstahl in der Stimme, um die mörderischen Anforderungen dieser Rolle zu bewältigen. Seine Romerzählung im dritten Akt gerät zum stimmlichen und darstellerischen Höhepunkt des Abends — ein gebrochener Mann, der an der Unversöhnlichkeit der Gesellschaft zerbricht. Camilla Nylund als Elisabeth berührt mit ihrem strahlenden, jugendlich-dramatischen Sopran. Ihre Gebet-Szene im dritten Akt ist von einer Innigkeit, die zu Tränen rührt. Michelle Breedt als Venus setzt ihren dunklen, sinnlichen Mezzo wirkungsvoll ein.
Michael Volle als Wolfram von Eschenbach ist die Entdeckung des Abends. Sein „Lied an den Abendstern“ ist von einer solchen Schlichtheit und Schönheit, dass man für einen Moment vergisst, in welch komplexer Inszenierung man sich befindet.
Dirigat und Orchester
Axel Kober am Pult des Festspielorchesters liefert eine solide, wenn auch nicht durchgehend inspirierende musikalische Leitung. Die Ouvertüre gelingt mit großem Bogen und edlem Klang, das Bacchanal im Venusberg sprüht vor Energie. In den leiseren Passagen des dritten Akts hätte man sich gelegentlich mehr Spannung gewünscht. Das Festspielorchester spielt auf gewohnt hohem Niveau, und der Festspielchor unter Eberhard Friedrich ist einmal mehr über jeden Zweifel erhaben.
Fazit
Ein Tannhäuser, der polarisiert — und genau das soll er auch. Baumgartens Inszenierung ist intellektuell fordernd, musikalisch auf hohem Niveau und darstellerisch überzeugend. Wer in Bayreuth nur die Bestätigung des Altbekannten sucht, wird enttäuscht. Wer sich auf eine neue Perspektive einlässt, wird reich belohnt.