Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Michael Rathmann

Aktuelle Aufführungen

Sakrale Lust

ALLERHEILIGEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
18. September 2016
(Einmalige Aufführung)

 

 

Festival Alte Musik Knechtsteden, Basilika

Allmählich muss man sich wohl von dem Gedanken verabschieden, in Knechtsteden die ungewöhnliche Aufführung zu erleben. Das ist kein Beinbruch, sondern allenfalls Kurskorrektur. Eigentlich war für den Sonntagabend eine Aufführung von Thomas Tallis‘ Spem in alium vorgesehen, einer Motette für 40 Stimmen. Da hat man sich auf eine Massenveranstaltung in Sachen Chor gefreut. Ist nicht. Der Chor, der sich aus einem Workshop rekrutieren sollte, ist nicht in der notwendigen Größe zustande gekommen.

Auf der Bühne, die gleichbleibend blendend ausgeleuchtet ist, versammelt sich The Marian Consort um ein paar Notenständer. Der sechsköpfige Chor wurde vor neun Jahren in Oxford gegründet und zählt zu den führenden Gesangsensembles der Alten Musik in Großbritannien. Das Vokalensemble präsentiert Kirchenchoräle aus dem 16. Jahrhundert und mischt sie mit zeitgenössischer Musik. Textlich gibt es für die Besucher in der gut gefüllten Basilika keine Schwierigkeiten. Die Texte der englischen Komponisten werden durchgängig in meist gut verständlichem Latein vorgetragen. Eine Übersetzung gibt es, wie es sich für die Entstehungszeit der alten Choräle gehört, nicht. Denn das Programmheft wurde nicht rechtzeitig geliefert. Allerdings bergen Werke wie das Miserere mei, Deus, Kyrie, Gloria oder Ave Maria auch keine großen Geheimnisse und so kann man sich ganz auf den Klang der Stimmen konzentrieren.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Unter der Leitung von Countertenor Rory McCleery erfreuen Tenor Guy Cutting, Bariton Richard Bannan und Bass Edmund Saddington auf der männlichen Seite. Rachel Ambrose Evans kommt als Sopran überwiegend unterstützende Funktion zu. Der Sopran von Katie Trethewey fällt mehrfach eindrucksvoll durch die lang gehaltenen Spitzentöne auf. Choralgesänge in solch überragender Qualität, vorgetragen über eine Stunde, sind für eingefleischte Fans sicher ein absoluter Genuss.

Foto © Michael Rathmann

Den kann man allerdings noch steigern, wenn sich im letzten Miserere mei, Deus der Workshop-Chor, in dem man viele Gesichter der Rheinischen Kantorei wiedersieht, unter Leitung von Edzard Burchards auf der Bühne sammelt und The Marian Consort sich im hinteren Teil der Kirche aufstellt. Von dort aus kann sich die Solostimme von Cutting in ihrer vollen Pracht entfalten und die Soprane entwickeln eine nahezu überirdische Klangfarbe. Ein gelungenes Finale. Von solchen Ideen hätte man sich durchaus mehr gewünscht.

Aus irgendeinem Grunde hat sich das Publikum im ersten Teil des Vortrags kollektiv dazu entschieden, zwischen den Stücken nicht zu applaudieren. Dabei fühlt sich niemand so recht wohl, am wenigsten die erfolgsverwöhnten Sänger selbst. Das ändert sich erst, als McCleery nach der Pause explizit auf Deutsch die Erlaubnis dazu erteilt. Und so gibt es in der zweiten Hälfte viel Beifall des doch überwiegend älteren Publikums, das sich nach knapp zwei Stunden Kirchengesang rasch aus der Basilika verabschiedet.

Für das Festival bleibt in der Absicht, Alte Musik modern darzustellen, aber auch organisatorisch weiterhin viel Luft nach oben.

Michael S. Zerban