Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © David Lörinci

Aktuelle Aufführungen

Musikalische Geschichtsstunde

RIENZI
(Richard Wagner)

Besuch am
7. September 2016
(Premiere am 3. September 2016)

 

Opera Incognita, Ludwig-Maximilians-
Universität München, Hörsaal 101

Opera Incognita ist die kongeniale Zusammenarbeit zweier außerordentlicher Künstler. Ernst Bartmann, ein Musiker, Komponist und Professor durch und durch als musikalischer Leiter und Andreas Wiedermann ein intelligenter, ideenreicher und phantasievoller Theatermensch mit viel Gespür und Naturtalent. Gemeinsam gestalten sie immer wieder beachtenswerte Opernproduktionen an außergewöhnlichen Orten. So auch diesmal mit Richard Wagners Jugendoper Rienzi im Hörsaal 101 der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Neugierig nähert sich das Publikum dem ungewohnten Ort des Geschehens. Durch die langen Gänge und über das prachtvolle Stiegenhaus der Universität gelangt man zum Hörsaal. Die Spannung steigt, was kann man erwarten? Einmal im Hörsaal angelangt, findet man die ersten Reihen für die Aufführung reserviert. Hinten, auf einem hohen Podest thronen das mit dreizehn Musikern „üppig“ besetzte Orchester und die Technik. Wie Studenten in der Vorlesung nehmen die Zuschauer Platz, Kugelschreiber und Papier liegen schon da. Und so soll es sein.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Während der Ouvertüre schlendern gemütlich die Studenten, hier die Sänger und der Chor, in den Hörsaal. In Pantomime wird der Beginn eines Seminars, der Dialog von Professor und Studenten über politische Bildung gespielt. Untermalt von an die Wand projektierten Texten wird der Zuhörer in das Geschehen hineingezogen. Immer mehr übernimmt die Musik die Führung und unmerklich wird die Personenregie angepasst und dann, wen wundert‘s, wird die politische Wirklichkeit mit der historischen verknüpft, Demagogie und Demokratie zum Diskussionsthema. Um die Anschaulichkeit zu stärken, wird das Schicksal des Volkstribuns Rienzi zum Modellfall und sein Leben zum Unterricht in verteilten Rollen. Verwunderlich ist, wie einfach und logisch die Ebenen miteinander harmonieren und im Laufe des Abends verschmelzen. Mit geringen Mitteln, cleveren Ideen und einem engagierten spielfreudigen Ensemble bekommt die gespielte Vorlesung Spannung, Ausdruckskraft, Gefühl, Intimität und Realität.

Foto © David Lörinci

Beeindruckend vor allem die Qualität der Sänger für eine freie Produktion. Anton Klotzner ist Rienzi, und es ist überzeugend, wie er in die Position hineinwächst, vom lockeren Studenten zum ernsthaften Herrscher, der weltbewegende Konflikte und großmütige Entscheidungen treffen muss. Und seine Stimme begleitet ihn dabei in allen Farben. Samtig voll und präsent ist seine Mittellage, in den Höhen zeigen sich kleine Unebenheiten zu Beginn. Herrschaftlich und despotisch stellt er sich seinen Widersachern, weich und liebevoll seiner Schwester Irene, schön anzusehen, aber auch anzuhören Tanja Christine Kuhn. Nahezu perfekt ist Carolin Ritter als Adriano, Colonnas Sohn und Geliebter Irenes. Mit Inbrunst gestaltet sie die Hosenrolle und setzt ihre Stimme geschickt ein. Diese hat Kraft und dunkle Wärme in der Klangfarbe. Sicher in der Intonation legt sie mit Legato nach. Martin Summer als ihr Vater ist mit Lederjacke und Sonnenbrille bereits äußerlich ein echter Mafioso, und sein wirkungsvoller sonorer Bassbariton lässt nichts vermissen. Torsten Petsch als sein Widersacher Orsini kann hier nicht mithalten. Unter die Haut gehen die verschiedenen Chorszenen. Überraschend bereits die Anzahl von jungen Sängern und Sängerinnen in dieser Produktion, die bestens vorbereitet und mit erfrischender Begeisterung dabei sind. Da steckt viel Probenarbeit und persönlicher Einsatz dahinter.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen.  Ausgestattet mit kleinen Rucksäcken, in denen sich ihre weiteren Utensilien verstecken, treten die Chorsänger und -sängerinnen an. Studenten, Kardinäle, Handlanger der Nobili, Unterstützer Rienzis, leidende Ehefrauen, reitende und kämpfende Soldaten – in alle Rollen schlüpfen sie und wechseln ihren Ausdruck. Fürsorglich gestenreich werden sie von hinten von Ernst Bartmann angefeuert und geführt. Genauso wie die jungen Musiker im kleinen Orchester, die trotzdem viel Wagnerklang und romantische Klangstärke erreichen.

Alle sind sie Solisten an diesem Abend und machen ihre Arbeit sehr gut. Umgeben von den Musikern und Sängern, hineingezogen in das Geschehen inklusive einer Teilnahme an Prüfungsfragen, ist das Publikum merklich aufmerksam und mitgerissen dabei, die Begeisterung entlädt sich in einem lautstarken Applaus.

Es ist das Konzept von Opera Incognita, jungen Musikern die Gelegenheit für Auftritte und Engagements zu geben, sowie auch junge Menschen für die Oper zu begeistern. Das ist an diesem Abend an diesem außergewöhnlichen und klug gewählten Ort aufgegangen.

Helmut Pitsch